 | | Der Glanz von Berlin, D 2001; R. und B: Judith Keil und Antje Kruska, K: Markus Winterbauer, Schn: Inge Schneider, T: Ulla Kösterke, Pr: Jens Meurer. Mit Delia Pereira-López, Gisela "Weißi" Weiß und Ingeborg Martinsson Edition Salzgeber, Start 16.05.2002
| | |
Sauber Am perfektesten machen sie ihren Job, wenn niemand ihn bemerkt: die vielen Putzfrauen und Putzmänner der Republik. Niemand sieht sie zu nachtschlafender Zeit kilometerlang Böden, Regale, Vitrinen feudeln, moppen, polieren. Auffällig wird die Putzkraft erst ex negativo, im Mangel, wenn etwas nicht ordentlich sauber ist. Eine gute Zugehfrau ist die, der man den Wohnungsschlüssel in die Hand drückt und beim Heimkommen ist picobello aufgeräumt. Offizielle Begegnungen von Putzleuten und Nicht-Putzleuten sind rar. Vielleicht schämen sich die einen ein bisschen für den Dreck, den sie machen und die anderen für den Dreck, den sie wegmachen. Delia Pereira-López zumindest scheint das zu mutmaßen. Als einer ihrer Kunden, der Herr aus dem Internetkomitee der CDU, bedauert, dass Delia seiner Einladung zur Geburtstagsfeier noch nie gefolgt sei, da trennt sie fein säuberlich zwischen Arbeitsverhältnis einerseits, Bekanntschaft andererseits. Im zitty-Interview sagt sie warum: "In Deutschland lautet die erste Frage: 'Wie heißt du?', die zweite 'Was machst du?'. Wenn ich richtig provozieren will, sage ich: 'Ich bin Putzfrau.' Und wenn ich nicht provozieren will: 'Ich arbeite als Putzfrau.' " Delia ist eine von drei putzenden Berlinerinnen, die Judith Keil und Antje Kruska porträtieren in ihrem Dokumentarfilm "Der Glanz von Berlin". Die zweite ist Gisela "Weißi" Weiß, die dritte Ingeborg Martinsson. Putzfrauen ohne Kamerascheu zu finden war nicht leicht, berichten die Regisseurinnen. Die drei porträtierten Ausnahmen sind - jede nach eigener Art - talentierte Selbstdarstellerinnen. Die elegante Ingeborg besitzt eine brauchbare Singstimme, engagiert sich ehrenamtlich im Liederkränzchen eines Seniorenheims, putzt gegen Bares und ist nach drei gescheiterten Ehen auf misstrauischer Suche nach einem neuen Partner. Gisela ist lustige Alleinunterhalterin ihrer Profikolonne. Sie putzt eigentlich ganz gern, weil sie mag, wenn es glänzt. Dann wischt sie auch die Innenseite der Vitrine, obwohl der Kunde dafür nicht zahlt. Seit 35 Jahren ist Gisela verheiratet, ihr Gatte war ehemals Putzmann in einem "Schweinswurst im Eigendarm" - Kombinat der DDR und richtet heute die Hauspantoffeln im exakten Winkel aus. Das unstetigste Selbstbewusstsein hat Delia, die als junge Argentinierin mit Hippieträumen durch Europa tingelte, irgendwas mit Kunst machen wollte und sich heute von ihrem Therapeuten fragen lassen muss, warum sie nicht stolz sein möchte, eine gute Putzfrau zu sein. Sie rollt viel mit den Augen, blickt kaum in die Kamera, malt im Abendkursus schlechte Bilder und weint, wenn sie über Liebe spricht. Eher beiläufig behandelt "Der Glanz von Berlin" die alltäglichen und sonderlichen Begebenheiten, die Putzjobs nun mal mit sich bringen. Eine tolerante Haushaltshilfe wird gesucht, Ingeborg ruft an. Ob sie bereit ist, nackt zu putzen, die Frage kennt sie bereits, hier nun soll sie bekleidet eine Nudistenwohnung auf Vordermann bringen, das ist mal was neues. Andernorts reibt Delia schnell noch die Atelierfenster trocken, bevor sie mit der Malerin deren symbolistische Werke diskutieren muss. Der Film bedient keine Wischi-Waschi-Underdogromantik, erhebt auch keine Anklage im Namen vermeintlich Zukurzgekommener, sondern nimmt zunehmend das private Leben seiner Darstellerinnen in den Blick. Hier beweisen Keil/Kruska dann eine selten gesehene Sensibilität, man kann förmlich zuschauen, wie die drei Frauen im Fortgang der Dreharbeiten Vertrauen schöpfen und Souveränität gewinnen, je inniger sie ihre Unzulänglichkeiten, gescheiterten Sehnsüchte und ihre Empfindungen preisgeben. Am Ende kann Delia die Kamera - und uns - blitzsauber anblicken. Urs Richter
|