Dogtown and Z-BoysDogtown and Z-Boys, USA 2001. R. & B: Stacy Peralta, K: Peter Pilafian, Schn: Paul Crowder, Pr: Agi Orsi, Jay Wilson, mit Jay Adams, Tony Alva und anderen Z-Boys.
Ottfilm, 15. 8. 2002
Ali, USA 2002. R: Michael Mann, B: Rivele, Wilkinson, Roth, Mann, K: Emmanuel Lubezki, Schn: William Goldenberg, Stephen Rivkin, Lynzee Klingman, D: Will Smith, Jon Voight, Jamie Foxx, Mario van Peebles, Nona Gaye, Michael Michele
IEG/Columbia/20th Century Fox, 15.8. 2002

In Stilgewittern

Die Mythen der Popkultur erwachsen weniger aus der Routine ihrer Heroen, als aus glorreichen Augenblicken. Wer will schon etwas von Aberhundert Brian Jones-Abstürzen wissen solange der dabei nicht im Pool ersäuft. Wer interessiert sich für Dutzende Glamrockabende im CBGB, wenn dann ein einziges "New York Dolls" Konzert den Punk erfindet. Wer will wissen, was Oli Kahn frühstückt, wenn dem im entscheidenden Moment der Ball vom Handschuh platzt. Legendär sind heute nicht Legenden, sondern Events. Deren knappe Dramaturgie erfordert Dabeisein. Nacherzählen kann man sie nicht, man muß sie erleben. Darauf haben sich die Medien eingestellt. Keine Party, keine Peinlichkeit, keine Schlacht an der wir nicht teilhaben könnten - als ob's die letzte wär.

Hier nun versuchen zwei Filme populäre Mythen rückblickend aufzudröseln, die legendary moments fürs nachgeborene Publikum zu wiederholen und das Vakuum zwischen ihnen zu füllen. "Ali" erzählt die sportlich, politisch und persönlich wichtigste Epoche in der Vita Muhammad Alis zwischen seinem ersten Kampf gegen Sonny Liston 1964 und dem sagenhaften "Rumble in the Jungle" 1974 gegen George Foreman. Ali gewinnt beide Kämpfe. Und dazwischen einige andere: Die Boxsperre wegen Patriotismusverweigerung - "I ain't got no quarrel with the Viet Cong" - wird 1971 per Gerichtsbeschluß aufgehoben. Im Rückkampf gegen Joe Frazier überwindet er zum ersten Mal das eherne They never come back. Ganz Kinshasa - ach was, ganz Afrika - fordert "Ali boma ye" (töte ihn), als er gegen den "Sklavenboxer" Foreman im Ring steht. Vier große Hollywoodstudios haben sich an der Produktion des Films beteiligt. Michael "Miami Vice" Mann ist der Regisseur. Will Smith spielt Ali.

"Dogtown and Z-Boys" hingegen dokumentiert den Weg einer Subkultur von der Wiege ihres Mythos zu seinem Ausverkauf. Herrlich unbedarfte Jungs erfinden in den frühen 70ern einen gewagten, eleganten Skatestil, weil die Wellen am Venice Beach zum Surfen zu langweilig werden. Außerdem trocknet eine Dürre die kalifornischen Swimmingpools aus. Die sind betoniert wie 360°Halfpipes und illegales, also exquisites Skateterrain. Der Vert, das Skaten in der Vertikale ist geboren. Bald sind die Rotzlöffel Stars, und nicht alle kommen damit klar. Regisseur Stacy Peralta gehörte selbst zur Clique. Damals hat ihm eine Turnschuhfirma das Board finanziert, jetzt finanziert sie den Film. Sean Penn als Erzählstimme und Henry Rollins als Henry Rollins verbürgen Echtheit.

Zwei Wiedererweckungsversuche offenbar, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Michael Mann karrt Schiffsladungen bombastischer Infrastruktur um die Welt und dreht ein Vierteljahr, Stacy Peralta schnipselt in kaum einem Monat alte Photos, TV-Berichte, Schmalspurfilme und Zeitzeugeninterviews zusammen. Smith weiß vor allem über sein Workoutprogramm zu berichten (man denkt an die Brüder Klitschko und ihr neues Fitnesskochbuch), die Z-Boys von den guten, alten Tagen. "Ali" erzählt chronologisch, "Dogtown" assoziativ. Den alzheimerkranken Muhammad Ali mit der olympischen Fackel in der zitternden Hand kennt jedes Kind, das Drogenwrack Jay Adams kein Schwein.

Aber gar so verschieden sind die Filme dann doch nicht. Beide wählen einen zweifelhaften Weg, der historischen Vorgabe gerecht zu werden. Beide berufen sich in erster Geste auf die Autorität des Authentischen. Die erschöpft sich sehr schnell: "Ali" ist und bleibt natürlich ein Märchen, und die street credibility der Z-Boys wirkt schon grotesk, die alten Herrschaften sitzen in ihren mittelständischen Vorgärten und plaudern von der Revolution. Also lassen Peralta und Mann effektereiche Stilexerzitien aufs Publikum los. Sie sollen vermitteln, was sonst fehlt: Lebensgefühl, Lokalkolorit, gesellschaftliche Dynamik.

Den wirbelnden Brettkünsten irgendwo zwischen anarchischer Jugendbewegung, sportivem Ehrgeiz und kühlem Geschäftssinn nähert sich "Dogtown" mimetisch. Peralta schneidet enthemmt zwischen diversen Bildträgern hin und her, vermeintlich uninteressante Interviewpassagen werden jaulend vorgespult, der treibende Soundtrack zwischen Beach Boys und frühen Stooges erlaubt kein Innehalten, Spannung scheint eine Frage von Tempo. Bildmüll ist das nervige Ergebnis, aber verkauft sich als Kult.

Innerhalb dieser Augenblicksdramaturgie sind Überzeugungen, ähnlich den überall hingesprayten tags, nicht mehr als Markierungen des sozialen Raums. Und der ist durchsetzt von Abgrenzung. Wer nicht in Dogtown wohnt, bekommt prophylaktisch aufs Maul. Mädchen stehen nicht auf dem Board, sondern kichernd am Poolrand. Und wer war verdammtnochmal der Erste, der die Erde verlassen und sein Brett in der Luft gewendet hat? (Es war Jay Adams, der Begnadetste, Eleganteste, Durchgeknallteste auf dem Board und Tragischste im Restleben.) Selbst jetzt noch, nach 25 Jahren, kommen die Helden von einst so eitel, egoman und eifersüchtig rüber, wie sie wohl immer schon waren. Gut, das wissen wir nun.

Ungleich subtiler die Inszenierungsstrategie in "Ali". Vom HipHopClip zu "Raging Bull", vom aphrodisischen Soulkonzert zur blendendhellen Heilandsvision - Michael Mann schert sich erst gar nicht um historische Korrektheit, sondern plagiiert, was immer ihm in den Kram paßt. Und er plagiiert so stilfetischistisch, daß sich Kopie und Original vermengen im kollektiven Bildarchiv der Popkultur. Mario van Peebles, der Filius vom zornigen Melvin, als Malcolm X, das paßt. Und auch 30.000 aufgeregte Filmstatisten in einem Stadion in Mosambik erzeugen unweigerlich jene geladene Atmosphäre, die den "Rumble in the Jungle" umgeben haben mag. (Mann macht sich nicht der Naivität, sondern der Unterschlagung schuldig, indem er verschweigt, daß durch einen der ekelhaftesten Deals der Sportgeschichte Mobutu seiner Diktatur mit Hilfe des windigen Don King internationales Renommee erkaufen wollte.) Zugute kommt dieser Fixiertheit auf den Look, auf die visuelle Wirksamkeit, daß bereits der echte Ali wie kein anderer Sensoren hatte für die Medien und sich selbst zu inszenieren verstand.

Die politischen und privaten Konflikte in Muhammad Alis Biographie erliegen dieser überbordenden Inszenierung. Ob die Nation of Islam unheilige Geschäfte abwickelt, ob Ali seine dritte Gattin mit der zukünftigen betrügt, ob Voodoo im Spiel ist - die Regie deutet viel an und erzählt nichts aus. Es scheint, als ob irgendeine Verschwörungstheorie die Szenen infiziert habe und doch nie durchbricht. "Ali" ist der zweieinhalb Stunden lange Trailer zu einem Thriller, der dann nicht beginnt. Was seinen Mythos umso gründlicher bewahrt.

Urs Richter


A propos "Ali boma ye":

In vielen Programmkinos wird zum "Ali"-Start der sehenswerte Dokumentarfilm "When we were Kings" von Leon Gast wiederholt. Charles Taylor gibt im Salon eine begeisterte und ausführliche Inhaltsangabe. Von Alis großer Klappe künden Zitate.



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