My Big Fat Greek WeddingMy Big Fat Greek Wedding - Hochzeit auf Griechisch, USA 2001. R: Joel Zwick, B: Nia Vardalos, K: Jeffrey Jur, Schn: Mia Goldman, M: Chris Wilson, Alexander Janko, Pr: Rita Wilson, Tom Hanks, Gary Goetzman, D: Nia Vardalos, John Corbett, Michael Constantine, Lainie Kazan
Fox, 23. Januar 2003

Das gewisse Nichts

Eine Binsenweisheit, die nicht aufhören will, wahr zu sein: Amerika ist wieder einmal einen Schritt voraus. Und zwar in Sachen Humor. Die distanzierte Haltung zu Amerika, die uns zu quälen beginnt, bringt Amerikaner zum Lachen. 280 Millionen eingespielte Dollar und die wahre erfundene Geschichte der kanadischen Theateractrice Antonia Eugenia "Nia" Vardalos können nicht irren. "Amerikamüdigkeit", uns Europäern durch die philosophische Skandalnudel Peter Sloterdijk diagnostiziert, muss keineswegs in Depression münden.

In der "Hochzeit auf Griechisch" werden notorische Minidramen vor der Trauungszeremonie, Ankleideprobleme und Pickelbeseitigung publikumswirksam angetippt. Auch märchenhafte Aschenputtel-Elemente fehlen nicht. Doch eifersüchtige Brüder, männerverschlingende Tanten und rivalisierende Cousinen existieren nur in Andeutungen und in den Köpfen durch "Wedding Planner" und "Hochzeit meines besten Freundes" verdorbener Vielseher. Das (Sub-)Genre Hochzeitsfilm konzentriert sich hier auf eine Art Ethnographie des cultural clash im Sitcom-Format. "My Big Fat Greek Wedding" legt das Hauptaugenmerk auf die unkomplizierte Konversion des WASP-Bräutigams zum Griechentum. Für ihn fällt nicht ins Gewicht, dass Fotoula "Toula" Portokalos (eben Nia Vardalos), wie es ziemlich wörtlich im Film heißt, "das Verfallsdatum für griechische Mädchen überschritten" hat. Als Ian Miller (Aushilfsschönling John Corbett) das Restaurant von Vater Gus Portokalos betritt, ist entgegen der familiären Resignation das Ende von Ledigsein und Tischanweiserinnen-Dasein zum Greifen nah. Dafür hat Ian in den Augen des patriarchalischen Gus den Makel, kein Grieche zu sein. Aber was nicht ist, kann ja noch werden! Mit unverwüstlich verliebtem Lächeln unterzieht sich Ian der Taufe in einer griechisch-orthodoxen Kirche und erträgt treuherzig, dass Toulas Sippe - "Nick, Nick, Nick, Nick und Nicki !" - ihn gern ein bisschen auf den Arm nimmt. Schließlich ist Aufgeschlossenheit für fremde Kulturen für einen langmähnigen College-Lehrer eine humanistische déformation professionelle. "Wir gehören alle zur selben Gattung", gibt er zu bedenken, als Toula ihn vor ihrem Anhang warnt.

Gerade die eindimensionalen schauspielerischen Darstellungen und die dramaturgische Notwendigkeit, dass jede Szene für sich allein stehen muss - entstanden aus Nia Vardalos ursprünglicher One Woman Show - verhelfen dem Film zu unterschwelliger Radikalität. Die raren Auftritte von Ians Eltern bleiben so scharfkantig im Gedächtnis, weil keine scheinheilige ausgleichende Gerechtigkeit sie mildert. Sie stehen da als ignorante Ausgeburten eines Landes mit puritanischer Moral, für die sich Exotik irgendwie auf Erotik reimt, ohne dass sie das eine oder andere einzuordnen wüssten. Die ‚Sekretärinnen' ihres Mannes durchgehend, sucht Mrs. Miller nach einer, die aus Griechenland kommt. Oder aus der Nähe. Zum Beispiel aus Armenien und Guatemala.

Toula bleibt bei so etwas sitzen, wenngleich nach Atem ringend. Welten krachen aufeinander, aber die jeweiligen Bewohner warten einfach ab, bis das Knirschen aufhört. Oder sie es nicht mehr hören. Das darf sein, weil sich über "My Big Fat Greek Wedding" nicht die große Erzählung vom american way of life wölbt. Weder in der neoliberalen Version des Establishments, noch in der einer protestpathetischen Gegenkultur. Das gewisse Nichts, das "My Big Fat Greek Wedding" zum heimlichen Politikum macht, ist der völlige Mangel an Patriotismus. Der melting-pot ist ausgekühlt. Und das in einem Film, den Tom Hanks produziert hat, der all american boy, der unreflektiertes Beharren auf die Überlegenheit amerikanischer Werte doch stets wie Geradlinigkeit und Liebenswürdigkeit aussehen lässt.

Wahrscheinlich unbeabsichtigt wird ein neues Kapitel des Immigrantenfilms aufgeschlagen, in dem die Eingewanderten überhaupt kein Verlangen danach haben, Amerikaner zu sein oder zu werden. Die Darsteller, alles Fernseh-Routiniers, verkörpern diverse Ausprägungen des Griechischseins wie im Typenzirkus der Einäugige das Einäugigsein. Wo aber keine Ambivalenz Platz hat, kann sich auch keine neue Identität einnisten. Die alte wird beibehalten, und Überläufer werden eingesammelt. Dass in der Realität Menschen in Amerika leben, die kein Wort Englisch oder irgendeine große Minderheitensprache sprechen, ist ein alter Hut. Nur war es noch nie für ein Massenpublikum zu sehen.

Keine Spur vom Gelobten Land, aber auch nicht von einem neuen Babel. Was ist Amerika in "My Big Fat Greek Wedding"? Nahezu unsichtbar: Das Haus der Portokalos ist wie ein Pantheon gebaut, bewacht von griechischen Götterstatuen. Ein kleines Sternenbanner hängt an der Fassade - aber was ist das schon gegen das breite, in den Farben der griechischen Flagge gestrichene Garagentor! Oder gegen eine Passage auf dem Weg zu sich selbst: Aus dem Off zieht Toulas Stimme eine Schneise aus Ironie und Sarkasmus zwischen ihre Familie und ihr armseliges Selbst, bis die Freiheit der Liebe und die Weiterbildung im Harry S. Truman-College ihr erlauben, sich mit ihrer rückständigen Herkunftskultur versöhnen. Amerika erscheint zuletzt so steif und leblos und vertrocknet wie die Millers. Was nicht heißen soll, dass das Großfamilienkind Toula die Kaminabende mit ihnen nicht schätzen würde: "Herrlich, diese Stille!"

Andreas Günther



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