Prüfstand 7Prüfstand 7, (Prüfstand 7), Deutschland 2001, 99 min. R+B: Robert Bramkamp, K: Jakobine Motz, Schnitt: Anja Neraal, D: Inga Busch, Matthias Fuchs, Peter Lohmeyer.
Salzgeber, 23. Mai 2002

Deutsche Wertarbeit (Made in Germany)

Man kann dem deutschen Film ja vieles vorwerfen, doch daß er regelmäßig sein Publikum durch übertriebene Experimentierfreude oder stilistischen Radikalismus verschreckt - das nun wirklich nicht. Insofern sollte der aufgeschlossene Kinogänger eigentlich freudig im Dreieck springen, wenn ein Experimentalfilm tatsächlich einmal die sperrigen Hürden der deutschen Fördergremien genommen hat und sich schüchtern auf der großen Leinwand zeigt.

Robert Bramkamp hat sich mit 'Prüfstand 7' dem Thema Rakete angenommen, er selbst nennt den Film Charakterstudie einer Maschine. Und natürlich läßt sich an dem 'Superzeichen' Rakete zahlreiches aufspüren: Die Nähe zwischen Freiheits- und Zerstörungsphantasien, zwischen vergangenen und gegenwärtigen Utopien Deutschlands, sogar die zwischen Raketen- und Kinotechnologien.

Bramkamp schickt den 'Geist der Rakete' (unfassbar hölzern gespielt von Inga Busch) quer durch Deutschland. Sie trifft Geschichtsforscher, Kinobesitzer und Astronauten und verstreut Links zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Rakete. Und wirklich, das offenbar spezifisch deutsche Phantasma Rakete (V2) wirkt noch immer gespenstisch nach. Ob als mythologischer Unterbau in der Automobilwerbung oder im Space Park Bremen, wo das Gelände 'unbewusst' nach den gleichen Strukturen aufgebaut wurde wie die Peenemünder Raketenbasis unter den Faschisten im Zweiten Weltkrieg.

Doch wer klare Erkenntnisse aus diesem Film mitnehmen will, der sollte seine Hausaufgaben über Wernher von Braun, Thomas Pynchon und Jean-Luc Godard gemacht haben. Denn Bramkamp hat viel zu sagen - offenbar zu viel, um es auf 90 Minuten komprimieren zu können. Also feuert er seine Ideen nach dem Assoziationsprinzip los. Und um es bloß nicht zu einfach zu machen bedient er sich dabei sämtlicher filmischer Erzählvarianten, die ihm vor die Flinte kommen: Archivmaterial trifft auf Inszeniertes, computergenerierte Bilder auf Dokumentarisches, Orchestermusik auf 3sat-Ästhetik. Dementsprechend ächzen die Bilder über die Leinwand - solange bis sie schließlich unter der Last des zusätzlich bedeutungsschweren Off-Kommentars zusammenbrechen.

Eigentlich sollten nachgestellte Szenen aus Thomas Pynchons Hyperroman 'Gravity Rainbow' diesen kruden Stilmix prima rechtfertigen. Doch im Gegensatz zu Pynchon erzeugt Bramkamp keine neuen Assoziationsketten, er begräbt sie unter allzu präsentem Zeigegestus, dem man hilflos ausgeliefert bleibt. Wo der Steilpass in den leeren Raum kommen sollte, kämpft sich Bramkamp lieber selber durch - und vergibt die Riesenchance. Der Eindruck drängt sich auf, als würde jemand seinen enormen Wissensvorsprung nicht mehr vermitteln können - und sich nachträglich in Interviews hinter den Schutzschildern Godard, Kluge oder der Bezeichnung 'Essayfilm' verstecken. Wie ließe sich dramaturgische Beliebigkeit eleganter legitimieren?

Henner Schulte-Holtey



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