About SchmidtAbout Schmidt, USA 2002. R: Alexander Payne, B: Alexander Payne & Jim Taylor, nach dem Roman "About Schmidt" von Louis Begley, P: Harry Gittes & Michael Besman, K: James Glennon, Schnitt: Kevin Tent, D: Jack Nicholson, Hope Davis, Dermot Mulroney, Howard Hesseman, Kathy Bates
Verleih: Warner Bros, Bundesstart: 27. Februar 2003

Schmidt gammelt

Die Rente ist eine böse Sache. Langgeübte Angewohnheiten lösen sich in nichts auf und entblößen einen Raum der Langeweile, der sich nicht wieder füllen lässt. Sicher, es soll Menschen geben, die etwas mit ihrer Zeit anzufangen wissen, die Gartenzwerge sammeln oder Funktionärstätigkeiten im Tennisclub ausüben. Warren Schmidt gehört nicht zu dieser Sorte Mensch. Altersdepressionen machen sich breit, als er seinen Statistikerjob bei einem Versicherungskonzern an einen jungen Aufsteiger abgibt. Schmidt ist abserviert, und unser Mitleid verdoppelt sich angesichts der Tatsache, dass er nicht in New York oder San Francisco lebt, sondern in Omaha, Nebraska, einem wirklich langweiligen Kaff.

Schmidt - unvergesslich verkörpert von Jack Nicholson - ist verheiratet und das macht die Situation eher noch trister. Mit Helen lebt er so, wie es sich nach 42 Jahren Ehe eben miteinander lebt. Man streitet nicht und hat eine stille Übereinkunft gefunden, die Macken des anderen zu tolerieren. Und doch - eigentlich kotzt es Schmidt an, im Sitzen zu pinkeln. Ein wirkliches Ärgernis droht aus einer anderen Ecke, von einem schmierigen Vokuhila, der Wasserbetten verkauft und um die Hand von Jeannie angehalten hat, Schmidts einziger und über alles geliebter Tochter Jeannie. In Telefongesprächen versucht Schmidt vorsichtig und erwartungsgemäß ungeschickt, Jeannie zu überzeugen, dass sie einen Riesenfehler begeht. Er muss jedoch feststellen, dass ihn niemand mehr braucht, macht sich in einem Wohnmobil auf die Reise in seine Vergangenheit und entdeckt dabei, wie sehr sich alles verändert hat.

Regisseur Alexander Payne hat einen hinreißend melancholischen Film über das Altern gemacht, über Selbstzweifel, verlorene Illusionen und die Koordinaten der bürgerlichen Normalität. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman des US-amerikanischen Juden Louis Begley, der nach seiner Tätigkeit als Wirtschaftsanwalt einen Roman über seine abenteuerliche Flucht vor den Nazis schrieb ("Lügen in Zeiten des Krieges") und damit Weltruhm erlangte. Seitdem schreibt Begley kontinuierlich Romane über die vornehme Finanzgesellschaft in und um New York, über Anwälte, Ärzte, Medienmacher und demonstriert darin glänzende Beobachtungsgaben bei der Schilderung des Brüchigwerdens ganz einfacher menschlicher Bindungen. Diese Romane sind spannend und elegant erzählt, "dramatisch" im Handlungssinn sind sie nicht.

Wie hat Payne "Schmidt" verfilmt? Durch Straffung an diesen und Ausschmückung an anderen Stellen, je nach cineastischer Verwertbarkeit. Zwei Beispiele: Im Roman wird der zukünftige Schwiegersohn als zwielichtiger Charakter eingeführt, erfolgreicher Anwalt und ehemaliger Sozius von Schmidt. Weltbewandert und gutaussehend auf der einen Seite, intrigant, geldgierig und geistlos auf der anderen. Im Film ist diese ambivalente Figur einer Karikatur gewichen, einem Vorstadtprol, der die falschen Bemerkungen macht, weil seine Dümmlichkeit alles andere ausschließt. Das Unglück, in das Schmidt seine Tochter laufen sieht, bleibt jedoch dasselbe.

Ein Beispiel für die Ausschmückung: Der Film eröffnet eine dem Roman unbekannte Dimension, als Schmidt die Patenschaft für einen Jungen in Tansania übernimmt. Er soll einen Brief schreiben und sich vorstellen. Nach anfänglicher Hemmung schreibt er später einen zweiten und noch einen. Anfangs kontrastieren die Berichte mit den tatsächlichen Lebensumständen - "Ich bin eigentlich rundum zufrieden"-, doch dann offenbart sich Schmidt. Der fremde Junge wird zum einzigen Menschen, dem er die Wahrheit erzählt über den Pensionär mit Altersmüdigkeit. Der filmische Einfall liegt dabei in der Vergegenständlichung des Kontrastes, wir sehen Schmidt am Schreibtisch und während seiner Erzählung zeigt die Kamera dann die passenden Bilder: Schmidt gammelt vorm Fernseher, Schmidt frisst eine Pizza nach der anderen usw. Ach ja, diese Szenen sind irrsinnig komisch!

Man könnte einwenden, dass die Vereinfachung des komplexen Romans nicht statthaft ist. Man könnte aber auch mit André Bazin sagen: "Werfen wir den Stein nicht auf die Bilderfabrikanten, die "adaptieren", indem sie simplifizieren." Denn sie sind diejenigen, die verstanden haben, dass Literatur und Film nicht dieselbe Sprache sprechen, dass man Wege finden muss, die eine in die andere zu übersetzen. Im Fall von "About Schmidt" hätte der Geist des Buches nicht treffender übersetzt werden können. Schmidts Kummer um die verlorene Bindung zu seiner Tochter, seine Lethargie, sein Gefühl, lediglich ein Beobachter zu sein in einem Spiel, dass er nicht versteht - all das ist da.

Johannes Schade



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