Sprich mit ihrSprich mit ihr, (Hable con ella), Spanien 2002. R u. B: Pedro Almodóvar, K: Javier Aguirresarobe, S: José Salcedo, P: Agustin Almodóvar, D: Javier Camara, Dario Grandinetti, Rosario Flores, Leonor Watling, Geraldine Chaplin.
Tobis Studio Canal, 8. August 2002

Cucurucucú

Pedro Almodóvar hat einen Stummfilm gedreht. Er dauert allerdings nur sieben Minuten und markiert die Klimax der Geschichte von "Sprich mit ihr". Es geht in dieser Miniatur um eine ebensolche, einen Mann, der zum Däumling schrumpft und auf dem Körper seiner Geliebten Wanderungen und Klettertouren unternimmt, um schließlich in einer Höhle auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Der Schlafenden geht dabei ein lustvolles Lächeln über die Lippen.

Auch der Krankenpfleger Benigno bewegt sich auf dem Körper seiner Geliebten wie in einer Landschaft, wenn er die im Koma liegenden Alicia Tag für Tag wäscht, ihre Binden wechselt, ihr Nägel manikürt und jeden kleinsten Muskel massiert. Sie soll so schön bleiben wie sie es war, als Benigno sie vor ihrem Unfall in der Ballettschule gegenüber seiner Wohnung beobachtet hat. Der dickliche, etwas einfältige Kerl hätte sie, so nehmen wir an, niemals erobert, aber jetzt hat der Zufall sie auf seine Station verschlagen. So glücklich war er noch nie.

Der Journalist Marco dagegen ist verzweifelt, als seine Freundin Lydia, eine Stierkämpferin, nach einem Unfall in der Arena ins Koma fällt. "Sprich mit ihr", rät Benigno, aber Marco bringt es nicht einmal über sich, den leblosen Körper auch nur zu berühren. Es geht natürlich um Liebe, und, wie bereits in "Alles über meine Mutter", darum, wie erst der Schicksalsschlag Menschen eine Bestimmung gibt, indem er sie aus ihren alten Bahnen sprengt, auf denen sie sich selbst fremd geworden sind. Diese Bestimmung muss bei Almodóvar nicht unbedingt etwas Glücksbringendes sein, und schon gar nicht den herkömmlichen Vorstellungen eines Lebenssinns entsprechen.

Almodóvar bietet uns keinen großen Spannungsbogen und keine Moral der Geschichte. Er riskiert Verwirrung, und es macht diesen Film so glaubwürdig, dass er keinen gemeinsamen sinnhaften Raum für seine Figuren zu stiften versucht. No man is an island, aber die Beziehungen zwischen den Menschen sind auch kein Verkehrsverbund. In "Sprich mit ihr" weinen die Menschen, wenn sie etwas berührt und sie es nicht mit dem teilen können, den sie lieben. Dabei wissen sie gar nicht so genau, wen sie eigentlich lieben. Bis auf Benigno, aber seine Liebe ist die eines Kindes und eines Verrückten, der sich für die Geliebte vollkommen opfert. Das geht aber nur mit einer Komapatientin. Oder als Däumling.

Am Anfang und am Ende des Films stehen zwei Ballettstücke von Pina Bausch, und auch in der Formel des "Sprich mit ihr" geht es weniger um Worte als um, na, den Glauben. Die Sehnsucht gilt hier dem Körper, seine Sprache scheint alleine angemessen zu sein. In Bauschs Stück "Masurca Fogo" wird einer Tänzerin unentwegt ein Mikrofon vor den Mund gehalten, aber die einzige Äußerung, die dadurch aufgefangen wird, ist ein immer wiederkehrender Seufzer. Und Caetano Veloso singt uns die Geschichte von der Taube, deren "Cucurucucú" die monotone Klage eines unglücklich Liebenden ist.

Auch der Kritiker schweigt jetzt und endet mit einer Empfehlung für diesen Film.

Dirk Schneider



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