 | | Zusammen, Schweden 2000. R u B: Lukas Moodysson, K: Ulf Brantås, S: Michael Leszczylowski, Fredrik Abrahamsen, P: Lars Jönsson, D: Lisa Lindgren, Michael Nyqvist, Gustaf Hammarsten, Jessica Liedberg, Sam Kessel, Emma Samuelsson u.a. Concorde, 5.4.2001 | | |
Come together! Franco ist tot, Franco ist tot! Menschen liegen einander in den Armen, Kinder hüpfen begeistert herum, es wird gesungen. Stockholm, November 1975 im Wohnkollektiv "Zusammen". Zusammen sein bedeutet verbunden sein, bedeutet zusammenwachsen, bedeutet verschmelzen; schnell auch sich nicht mehr von der "kritischen Masse" zu unterscheiden - eine Einheit zu werden, die wie ein Teigklumpen nur noch im Kollektiv ihre sichere Form und Identität fühlt. Daß Meinungen uns zusammen schweißen, dafür bietet das Leben wie auch die Fiktion alltäglich Beweise. Dabei führt jedoch der Zusammenschluß, das solidarische Kollektiv, gerade von kleinen Gruppen, schnell zum Ausschluß der jeweils Anderen. Derjenige, der das Schibboleth (jüdisch: Losungswort) nicht kennt, muß draußen bleiben, egal auf welcher Seite, egal wie sinnvoll. Das Schibboleth schafft in seiner ausschließenden Bestimmtheit Verbindungen und bringt feindselige Isolation. Es war einmal das Wort, an dessen abweichender Aussprache die Gilaediter die feindlichen Ephraimiter erkannten. Später hieß es einfach Erkennungszeichen, klärte jedoch augenblicklich, wer Freund, wer Feind war. Der Ausschluß findet also im Einschluß statt, im Augenblick des Zusammenschließens, ist dabei grenzziehend und reizt zugleich grenzüberschreitend: Nämlich dazu, einmal hinter seiner abgezirkelten Spießergardine hervor zu lugen und Einblick bei den Anderen zu gewinnen. Zusammen sein ist irgendwie besser als getrennt sein, meint Lukas Moodysson, und wählt als Panorama seines Films die Siebziger, eine Dekade, die wir derzeit unentschlossen zwischen modischer Retronostalgie und blankem Entsetzen über ihre Ästhetik beurteilen, in der aber alles noch ein bißchen kuschliger war als heute. In der Tillsammans-WG wird kein Fleisch gegessen, der Fernseher ist tabu und Meditation ein Thema. "Aber ich liebe nur Dich", sagt Göran gerade zu Lena als das Telefon klingelt. "Du kannst schlafen mit wem Du willst", ist ihre Replik. Am Appparat ist Görans Schwester, weinend, weil ihr Mann sie geschlagen hat. Kurzerhand wird sie mit zwei halbwüchsigen Kindern in den WG-Bus gesteckt und in das Kollektiv gebracht. Dort läuft eine Diskussion über "bourgeoises Spülverhalten", zwei der Bewohner stehen unten "ohne" da. Eva (Emma Samuelsson), dreizehn Jahre, flüchtet gleich zurück in den Bus, um dort mit mürrisch-verkniffenem Gesicht Abba zu hören ("where are those happy days?"). Stefan (Sam Kessel), neun Jahre, versucht seine Mutter zu ködern, indem er nachbohrt, ob er denn gar nicht in die Schule müsse? Bleiben müssen sie beide, denn Elisabeth (Lisa Lindgren), Mutter und Hausfrau, gefällt es unerwartet gut in der Kommune. Wenigstens bietet das Leben hier feste Orientierung: Pippi Langstrumpf ist blöd, weil sie Kapitalistin und Materialistin ist. Frauen rasieren sich nicht die Achseln, weil das emanzipiert ist, und Solidarität ist ein Wort, nachdem man irgendwie streben muß. Die Anderen, das sind die Nachbarn, die hinter der Gardine aus ihrer spießigen Enge mit dem Fernglas spähen und sich fragen, wieviele Menschen eigentlich in einem Haus leben dürfen. Nachts gehen sie zum "Basteln" mit Pornoheften in den Keller. Der dreizehnjährige Sohn spürt die Verlogenheit und sehnt sich nach einer Eva - nach der gleichaltrigen Eva aus der Kommune. Inhaltlich steckt bei den Erwachsenen wenig revolutionäre Gesinnung hinter dem formalen Anderssein, das zeigt Moodysson deutlich, aber ohne enthüllenden Gestus. Vielmehr scheint er Sympathie für beide Seiten zu haben; keinem politischen, sondern einem menschlichen Interesse nachzugehen. Wirklich zornig sind im Film auch nur die Kleinen, die wunderschön das sperrige Gefühl von Differenz und Noch-nicht-zusammen-sein auf den Punkt bringen. Wer trashige Frisuren, kleine Jungs in schlechte-Laune-Pullis und dicke Hornbrillen sehen will, der sollte in diesen sympathischen Film gehen. Am Ende, finden dann doch alle zusammen, beim Fußball, der zuvor noch unüberwindbares zusammenbringt. Es kommt Musik - Abba - und wir fragen uns, ob das nicht auch der Inbegriff des blanken Kapitalismus ist. Politisch korrekt? Die Hölle, das sind auf jeden Fall wir alle. Stefanie Maeck
|