 | | Russian Ark, (Russian Ark), D/RUS 2002, 96 Min. R+B+"visuelle Gestaltung": Alexander Sokurov; B: Anatoly Nikiforov; K: Tilman Büttner; M: Sergey Yevtushenko; D: Sergey Dreiden, Maria Kuznetsova, Leonid Mozgovoy, Mikhail Piotrovski, David Giorbaiani, Alexander Chaban, u.a. Verleih: Delphi Filmverleih, Bundesstart: 1.5.2003
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Die lange Fahrt zur russischen Seele Die Geschichte ist nicht vergangen. Die Zeit läuft nicht auf einer linearen Achse ab. Ihre Dimensionen verschlingen sich in der Gegenwart. Und das Kino ist der Raum dieser Zeit. So könnte man die Ästhetik von Alexander Sokurovs Russian Ark umschreiben, einem Film, der als formale Innovation großes Aufsehen erregt. Denn er besteht aus einer einzigen 90minütigen Kamerafahrt durch die St. Petersburger Eremitage und verzichtet als erster Langfilm der Kinogeschichte völlig auf den Schnitt. Dabei springt er durch drei Jahrhunderte und gelangt in jedem Raum des riesigen Museums in eine andere Epoche. Ein fiktionaler Essayfilm über Russland und Europa, Geschichte und Kunst, Gott und die Welt. Um Gattungsgrenzen zwischen Dokumentation und Fiktion hat sich Sokurov (*1951) noch nie sonderlich geschert. Als Abschlussarbeit seines Dokumentarfilmstudiums lieferte er einen Spielfilm ab, der denn auch prompt wegen 'Formalismus' abgelehnt wurde. Durch die Unterstützung des selber verfemten Tarkovski konnte er dennoch weiterarbeiten, bis heute hat er 37 Filme gedreht. Obwohl die letzten drei in Cannes liefen, ist er hierzulande immer noch eher unbekannt. Das könnte sich nun ändern, denn Russian Ark wurde von immerhin acht deutschen Filmförderungen finanziert. Was auch nötig war, denn der Film ließ sich nur mit neuester Digitaltechnik verwirklichen. Ein eigens entwickeltes Festplatten-System zeichnete die riesigen Datenmengen auf - unkomprimiert, ein weiteres Novum. Aberwitzig auch der logistische Aufwand dieses einen Takes (zwei Versuche mussten abgebrochen werden). Die Kabelträger durften keinesfalls einem der sage und schreibe 3000 Darsteller und Komparsen in die Quere kommen, geschweige denn einen der kostbaren Van Dycks oder Rembrandts anrempeln. Doch im Ergebnis ist von der mutmaßlichen Hektik des Drehs nichts zu spüren. Scheinbar schwerelos gleitet die Steadicam des deutschen Spezialisten Tilman Büttner durch die weitläufigen Flure. Dieser Kamerastil hält die unheimliche Mitte zwischen subjektiver und auktorialer Perspektive und erzeugt traumwandlerische Distanz. Aus ihr heraus spricht der körperlose Off-Erzähler, im russischen Original mit der Stimme des Regisseurs. Während Sokurov auf dem Set generalstabsmäßigen Überblick haben musste, ist sein filmisches Alter ego allerdings zunächst ziemlich desorientiert. Träumt er? Ist das das Jenseits? Sind diese kostümierten Gestalten, die in einem Keller einen Offizier Peters des Großen verprügeln, Teil eines Theaterstücks? Er begegnet einem anderen Zeitreisenden, einem französischen Reiseschriftsteller aus dem 19. Jahrhundert, der ihn durch das Museum führen wird wie einst Vergil Dante durch die Unterwelt - wenn auch eher spöttelnd als erläuternd. Ein oft rätselhafter, manchmal unentschlüsselbarer Bilderbogen entrollt sich. Die schiere Geschichtsträchtigkeit der Eremitage vermittelt sich auch dem historisch Unbewanderten. Ursprünglich als Winterresidenz der Zaren erbaut, war sie ebenso Zeuge der Revolution von 1905 wie der Belagerung durch die Nazis. Wir begegnen Katharina der Großen, die eine Opernprobe unterbricht, weil sie dringend pinkeln muss, und Nikolaus I., der in einer steifen Zeremonie den persischen Gesandten empfängt. Widerstrebend lässt sich der Erzähler auf die Plaudereien seines weltläufigen und zugleich schrulligen Führers ein. Der mäkelt am Empirestil der Eremitage-Möbel herum, sinniert über Renaissance-Allegorik, schnüffelt auch mal gierig am Firnis der Gemälde oder tänzelt verzückt übers Museumsparkett. Dann wieder mokiert er sich über die Kleidung einer Besuchergruppe aus der ihm unbekannten Jetztzeit - die Szene mutet an wie eine Verfilmung der großformatigen Fotografien von Thomas Struth, die Touristen vor alten Meistern zeigen. Über die technischen Neuerungen des Films lassen sich die Kritiker mit Bewunderung aus. Seine politische Stoßrichtung dagegen bleibt in der Rezeption merkwürdig unterbelichtet. Sokurov betrachtet die Eremitage als 'Arche' Russlands (engl.: ark). Paradoxerweise birgt sie in ihrem Bauch vornehmlich westeuropäische Kunstschätze. Darin deutet sich das alte Thema der nationalen Identitätsuche zwischen 'russischer Seele' und 'europäischem Fortschritt' an, Gegenstand vieler launiger Sticheleien der beiden Flaneure. Sokurov verherrlicht die blutige Geschichte seines Landes nicht, was auch schon sein ätzender Leninfilm Taurus (2000) bewies, sucht aber dennoch Trost in der Kontinuität des kulturellen Forums und Tempels, dieser Arche aus Zarenzeiten, in der womöglich ein Gran russischer Substanz überdauert. Nicht nur vor dem Hintergrund der diesjährigen 300-Jahr-Feier der ehemaligen Hauptstadt eine fragwürdige Hoffnung. Sokurov weiß um die Leerstelle im imaginierten russischen Selbst, doch die grübelnde Trauer darüber erweist ihn als Konservativen. Russian Ark, dieses Geburtstagsgeschenk an die Stadt Peters des Großen und der Oktoberrevolution, ist deshalb weder aufklärerische Flaschenpost noch, leider, trojanisches Pferd. Dazu passt auch das eigenwillige, keineswegs avantgardistisch gemeinte formale Konzept. Sokurov steht klarerweise in der Tradition Tarkovskis, der das klassische Eisensteinsche Dogma von der dialektischen Montage als der Film-Methode schlechthin ablehnte und ihm die Intellektualisierung und Allegorisierung des Kinos vorwarf. Diesen Einfluss zeigen schon Sokurovs frühere Filme. Seine Elegie auf die Sohnesliebe Mutter und Sohn (1996) konnte man auch als Hommage an Tarkovskis Der Spiegel (1976) verstehen. Während sich die Zeitdimensionen aber bei Tarkovski abgründig überblenden, hatte Sokurov sie seinerzeit zu einem flächigen Gemälde in Grün-Braun-Grau stilisiert. Und so zielt er auch in seiner viel bunteren Hommage an die Eremitage auf den spirituellen Gehalt der mystischen Zeitlichkeit der langen Einstellung. Weltlichen Optimismus sucht man bei Sokurov dagegen vergebens. Russian Ark endet mit einem bombastischen Ball am Vorabend des ersten Weltkriegs. Das Publikum strömt aus dem Saal. Der Erzähler trennt sich von seinem Führer. 'Und nun, wohin? - Vorwärts, immer vorwärts. - Was ist dort? - Keine Ahnung. Ich bleibe. Leben Sie wohl, Europa! Schade, dass der Ball schon zu Ende ist.' Diesen überlegenen Spott auf die Zukunft muss man erst einmal verdauen. Die Kamera schwebt ins Freie, durch einen Seitenausgang, der sich zur Neva hin öffnet. Jakob Hesler A propos 'Russian Ark': Ein sehr ausführlicher Text zum Film findet sich bei Senses of Cinema. Der Autor untersucht Sokurovs hybriden Bazinismus, vergleicht ihn mit Shakespeare und erinnert sich an seinen eigenen Jugoslawienurlaub. Interessanter als die zunehmend wirren Thesen sind Interview-Ausschnitte, die auf Deutsch nicht zugänglich sind und es in sich haben, watscht der Meister darin doch Kameramann Tilman Büttner ab für seine künstlerische und technische Inkompetenz. Wenn das die deutschen Finanziers wüssten. Die Fotografien des oben erwähnten Thomas Struth sind gerade im New Yorker Metropolitan Museum of Art zu sehen .
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