In this WorldIn this World, GB 2002. R: Michael Winterbottom, B: Tony Grisoni, K: Marcel Zyskind, Schn: Peter Christellis, T: Stuart Wilson, M: Dario Marianelli, Pr: Andrew Eaton, Anita Overland, D: Jamal Udin Torabi, Enayatullah, Imran Paracha, u.a.
Arsenal, 19.09.03

Nur die Harten komm'n in Garten

In der Bezeichnung der Disziplin klingt ihr Dilemma schon an: Dokudrama. Selbst angenommen, jede Dokumentation befolgte notwendig dramaturgische Schemata, so beansprucht das Dokudrama die viel stärkere Prämisse, Realität sei von selbst dramatisch. Ihre schlichte Wiedergabe krümme sich zum Spannungsbogen. Diese Voraussetzung ist faul und falsch. Spannung ist immer Kunstgriff. Realität kennt Katastrophen nur ohne Akteinteilung und Wendepunkt. Eine Portion Autorenfeigheit versteckt sich in der hybriden Idee des Dokudramas: Weder unter die Wirklichkeit, noch unter ihre Geschichte müsse jemand seinen Namen setzen, denn beide erzeugten sich wechselseitig. Autorenschaft bescheidet sich scheinbar auf Hebammenkunst, die lediglich Offensichtliches ins Licht hält.

Auch Michael Winterbottom versteht sich als Geburtshelfer einer dramatischen Erzählung, für die er nicht verantwortlich ist. "In this World" begleitet zwei afghanische Cousins auf ihrer Flucht aus einem Flüchtlingslager in Pakistan, begleitet sie weiter in den Iran, durchs wilde Kurdistan bis zum Bosporus, dann nach Italien, Frankreich und schließlich über den Kanal nach London. Regie und Produktion betonen ausgiebig die oft heikle Recherche vor und die Mühen und Gefahren während der Entstehung des Films; die illegale Visabeschaffung für die beiden Hauptdarsteller; den Verzicht auf Drehbuch- und Dialogvorgaben; die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung und Ausschöpfung ihrer Erfahrung; und schließlich die Schwierigkeit, aus aberhundert Stunden digitalem Material eine Auswahl zu treffen. Der Film als corpus delicti. Seine blanke Existenz beweist den Fall. Der jüngere Darsteller hat sich nach seiner Rückkehr und ohne Filmteam alleine nach London durchgeschlagen. "Okay, der Film war organisiert und inszeniert (..). Aber unser Anliegen war es, die Menschen über die Situation der Immigranten, die hier leben, zum Nachdenken zu bringen. Dass einer unserer Schauspieler zurückgekommen ist, macht die Geschichte möglicherweise realer." - mutmaßt Winterbottom.

Solch pädagogischer Absicht verschafft der einleitende Offkommentar zur elenden Flüchtlingssituation in Afghanistan die Eckdaten. Aber schon das Produktionsdesign schmuggelt Assoziationen in den Film, die mehr behaupten als bloß dokumentarische Bestandsaufnahme: Angefressene Blockbuchstaben lasten felsenschwer auf den Stationen der Flucht. Später markieren immer wieder Punktierungen auf dreidimensional animierten Landkarten das Vorankommen der beiden Helden, wie im Abenteuerkino. Jene Zeiten, die offenbar nichts Berichtenswertes enthalten, überbrücken Zwischentitel: "Zehn Tage später". (Warum Winterbottom ausgerechnet die Langeweile, die mühseligen Stunden der Warterei derart beschneidet, ist unerklärlich, wenn Flucht paradoxerweise vor allem aus Stillstand besteht.) Und selbst Momente der Bewegung dürfen nicht für sich sprechen, über lange Strecken übersetzt sich die Dynamik der Handlung in suggestive Offmusik. All das sind Stilkniffe, die das spröde Dokument "sexier machen", wie es heutzutage heißt.

Warum nun aber der hartgesottene Jamal und der leicht weltfremde Enayatullah von ihrer Familie nach England geschickt werden und inwiefern wir für sie Verständnis aufbringen sollten, lässt Winterbottom im Unklaren. Gar zu schlecht scheint es ihnen nicht zu gehen, beide haben Arbeit, der Onkel wedelt mit dicken Geldbündeln, schwarz-weiß und in Zeitlupe wird zum Abschied eine Kuh geschlachtet. London hingegen lockt lediglich mit dem vagen Versprechen eines besseren Lebens, von dem niemand eine Vorstellung hat. Mit diesem Widerspruch hält Winterbottom sich im Folgenden nicht lange auf, los geht die Heldenreise und motiviert sich fortan aus sich selbst. Die dicken Geldbündel magern schnell ab, die Sprachbarriere wächst zum Unverständnis aus und die Ferne zur Heimat zur tödlichen Gefahr. Enayatullah wird nie in im vermeintlichen Paradies ankommen.

Die technischen Möglichkeiten der digitalen Kamera forcieren die Spannungssteigerung zusätzlich. Dramaturgische Höhepunkte sind zugleich stilistische. Das Übertreten der schwerbewachten kurdisch-türkischen Regionalgrenze filmt Winterbottom in tiefdunkler Nacht. Die Leinwand verschwimmt zu grobkörnigen Graufeldern, in die die Mündungsfeuer der Wachposten helle Sterne pixeln. Später scheut der Film nicht davor zurück, uns einzuschließen in einen hermetisch verriegelten Schiffscontainer. Wir können die Panik der Flüchtlinge um uns nur noch hören. Und ihr Sterben. Die Kamera aber, klar, sie überlebt.

Obwohl die Inszenierung sich derart um mimetischen Mitvollzug der Ereignisse müht, fasst einen weder Mitleid an noch Zorn. Warum ein Mensch aus allem Gewohnten flüchtet ins gänzlich Unbekannte, hat man am Ende auch nicht verstanden. Womöglich will Winterbottom selbst es gar nicht so genau wissen. Zum blöden und nur vielleicht unbedachten Zynismus geraten im die Schlusssequenzen von "In this World". Während Jamal kopfhängend über einen trostlosen Basar im Londoner Regen schleicht, schneidet die Regie zurück nach Pakistan. Goldgeflutet liegt das Flüchtlingslager im Abendlicht, Kinder in Sonntagsklamotten flirten kichernd mit der Kamera.

Der Gag der sokratischen Hebammenkunst war: Was da in schwerer Geburt aus dem Verborgenen zur Welt gebracht wird, ist Erkenntnisgewinn. "In this World" macht weder Winterbottom noch uns ein Stückchen klüger.

Urs Richter



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