 | | Secretary, USA 2002. R. und P: Stephen Shainberg, B: Erin Cressida Wilson, nach einer Story von Mary Gaitskill, K: Steven Fierberg, Schn: Pam Wise, D: James Spader, Maggie Gyllenhall, Jeremy Davies Arsenal, 25. September 2003.
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Zuckersüße Schmerzen Gerade ist Lee Holloway (Maggie Gyllenhall) aus einer psychiatrischen Klinik entlassen worden, in der sie wegen chronischer Selbstverletzung zur Behandlung war. Ihre Familie empfängt sie mit offenen Armen, nur leider hat das elterliche Heim an Penetranz nicht viel verloren. Auch sonst ist nichts anders, immer wieder öffnet Lee ihr Necessaire mit diversen Messerchen und Tinkturen, um sich in Momenten besonderen Unglücks zu verletzen. Doch dann beschließt sie, ihr Leben in die Hand zu nehmen, belegt einen Schreibmaschinenkurs und bewirbt sich anschließend als Sekretärin bei dem jungen Anwalt E. Edward Grey (James Spader). Der ist ein düsterer und zwielichtiger Typ, jemand, dem man seine Tochter garantiert nicht anvertrauen würde. Klar, dass Lee sich zu ihm hingezogen fühlt, ebenso zu dem bizarren Büro, dass mit den dunkel abgetönten Plüschvorhängen, den merkwürdigen Kunstrasenbezügen auf den Möbeln und einer undurchschaubaren Topografie manchmal an ein Märchenschloss, dann wieder an eines der schrillen Hinterstübchen bei David Lynch erinnert. "Blue Velvet" sei der Film gewesen, durch den Regisseur Steven Shainberg den Wunsch entwickelte, selber Filme zu machen. Ähnlich drastische Vorfälle erwartet man zunächst in "Secretary": Perversion, Gewalt, womöglich Folter. Alles erwartet man, nur keine Liebesgeschichte mit Happy End. Das Wunder von "Secretary" besteht darin, dass er alle Erwartungen nicht erfüllt und dabei einen ultrakonsistenten Plot und trashfreien Unterhaltungswert besitzt, der noch manchem konventionellen Krimi abgeht. Mit viel Ironie und einem sicheren Händchen für pointierte Schauspielerkomik (geniales Duo: Gyllenhaal und Spader) bleibt Shainberg beim Thema S/M bedenkenlos und bewegt sich meilenweit abseits der ethischen Normen fürs Big Entertainment. Er lässt Lee nach dem Sex mit einem anderen Mann auf dessen Frage, ob er ihr weh getan hätte, mit einem träumerischen "Nein" klar machen, dass für sie normaler Sex pure Langeweile ist. Die besten Einfälle im Büro hat die Sekretärin, um in den Genuss einer Tracht Prügel zu kommen. Ein roter Edding wird ganz in Lees Sinn auch für den Zuschauer zum Fetisch. Mit diesem markiert der Anwalt die Tippfehler, die den Anlass zur Bestrafung ausmachen. Folglich wird das Auftauchen des Stiftes mehr als einmal geradezu filmisch beschworen - als ein fein abgestimmtes Gericht aus Kamera, Schnitt und Musik. In der virtuosen Beherrschung dieser Elemente kommt Shainberg seinem Meister David Lynch schon erstaunlich nahe. Und dennoch bleibt "Secretary" trotz einiger witziger Referenzen ein eigenständiger Film mit einer Botschaft, auf die wir in Filmen des Meisters lange warten würden: Nichts ist pervers, solange es aus Liebe geschieht. Denn tatsächlich gipfelt die Geschichte von der Frau, die sich gerne Schmerzen zufügt und dem Mann, der gerne austeilt, in einer zuckersüßen Romanze inklusive einer der schönsten Liebesszenen dieses Jahres. Lee lässt ihren allzu netten Bräutigam (Jeremy Davies) vorm Altar stehen und läuft, als bezaubernde Runaway Bride in die Kanzlei, um ihr Herz auszuschütten. Der Anwalt weist sie an, sitzen zu bleiben, mit beiden Händen auf dem Schreibtisch, bis er wiederkommt. Und geht. Und kommt lange nicht wieder. Das ist das Prinzip jedes zweiten Liebesfilms aus Hollywood: Ist deine Liebe stark genug, um auf mich zu warten, sollst du mich haben. Der Charme dieser letzten fünf Minuten liegt also zum einen in der ernstgemeinten Haltung, mit der uns die Regeln des Glitzerkinos als verdammt noch mal schöne Regeln vorgeführt werden, zum anderen natürlich in ihrer Verletzung - und Lee pinkelt sich ins schöne Hochzeitskleid. Schwerelos taumelnd zwischen Avantgarde und Mainstream ist "Secretary" eines der originellsten Zwitterwesen seit langem. Zu Bestaunen in einem Kino ihres Vertrauens. Johannes Schade
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