The Good ThiefThe Good Thief, UK/F/C/Ire 2001/2002. R+B:Neil Jordan, n. d. Film „Bob le Flambeur“ (R: Jean-Pierre- Melville, B:Jean-Pierre Melville und Auguste Le Breton), K: Chris Men- ges, Schn.: TonyLawson, Pr.: Jean-Yves Asselin, D: Nick Nolte, Nutsa Kukhia-Nizde, TchékyKaryo, Ouassini Embarek, Marc Lavoine, Said Taghmaoui u. a.
Verleih: Solo-Film, Bundesstart: 9.10.03

Das Elend der Ironie

Lewis Milestone wusste nicht, ob er „Ocean´s Eleven“ 1960 trotzder Besetzung mit dem ''rat pack'' Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy DavisJr. als konventionelles Big-Caper-Movie vom großen Raubzug abzukurbelnhatte oder das Ganze doch eher „tongue-in-cheek“ – was man mit ''augenzwinkernd''übersetzen könnte – angehen sollte. Dergleichen Nöte plagtenSteven Soderbergh bei seinem Remake vierzig Jahre später so gar nicht.Das swingende Glitzerwerk mit George Clooney und Brad Pitt, in dem das Zuknöpfeneines goldenen Manschettenknopfs erregender ist als sensible Drehmanöveram Rätselschloss eines Safes, wirft sich mit aller Entschlossenheitdem schönen Schein zu Füßen. Erneutes Dilemma hingegen bei„The Good Thief“ von Neil Jordan, einem „Ocean´s Eleven“ überund vielleicht auch für Arme. Jordan ist der irische Spezialist fürparadoxales Autorenkino, das Publikum und Kritik gleichermaßen lieben– genannt seien „Mona Lisa“, „The Crying Game“ und natürlich „Interviewmit einem Vampir“. Nun hat er sich bemüht, die Unterweltromantik vonJean-Piere Melvilles „Bob Le Flambeur“ respektvoll zu dekonstruieren, dener sich als Wiederverfilmungsobjekt ausgesucht hat. Doch gerade so sägtNeil Jordan den sozialkritischen Ast ab, auf dem er sitzt. Wie sich dergealterte Junkie und kunstbeflissene Zocker Bob Montagnet an den Rinnsteinenvon Nizza entlang zusammen mit einer Mulikulti-Truppe den kriminellen Wegzu einer unschätzbaren Gemäldesammlung buchstäblich erkriecht,hätte ein schönes und spannendes Underdog-Drama werden können.Hätte nicht Jordan beim Schreiben des Drehbuchs eine Art Kater Murrbei sich beherbergt, der wie der tierische Co-Autor bei E.T.A. Hoffmann dieedelsten Regungen mit ironischer Tinte verätzt und sie der Beliebigkeitüberantwortet.

Das Dilemma von „The Good Thief“ besteht darin, dass die sentimentaleZärtlichkeit, die Jordan für die von der Globalisierung unbarmherzigMitgeschleiften empfindet, in letzter Konsequenz der Demontage des heuchlerischenEstablishments im Wege steht. Der Ausweg in die Ironie – als Stilprinzipder Distanzierung, nicht als Figur - höhlt aus, was der Wackelkameraso kostbar zu sein scheint: Die Glaubwürdigkeit der Charaktere. Zuerstist man atemlos dankbar für die inszenatorische Raffinesse, mit derdie Wertschätzung der Eliten zur materiellen Disposition gestellt wird.Die Schätzung eines Kunstwerks - in anderen Einbrecherkrimis ein peripheresElement – wird hier aufregender als dessen Raub. Die Überlegungen, wievielder angebliche Picasso wohl bringen wird, der sich in Bob Montagnets Besitzbefindet, treibt einen schier in den Wahnsinn. Wenn Nick Nolte und RalphFiennes – letzterer als englischer Kunsthändler mit vollendet ausgereiztemHang zur gesprochenen Alliteration - im Tiefflug ihre Hände überdie Leinwand gleiten lassen, brennen zwischen ihren Fingern Zigaretten mithohen Aschenhäufchen, die sich nach der glühenden Berühungmit Linienführung und Farbgebung zu verzehren scheinen. Die unbekümmerteEngführung von Zertifizierung und Zerstörung von Kunstwerken wühltnicht nur stärker auf als der genrenotorische Fehltritt auf der Leiteroder eine nicht einrasten wollende Zahlenkombination, sie allegorisiert auchauf höchst unspektakuläre Weise, aber in extremis, die Launenhaftigkeitdes Marktes.

Wenn sich herausstellt, dass der Picasso falsch ist, ist das das I-Tüpfelchenauf der Einsicht in gesellschaftliche Mehrwertproduktion. Verheerend istjedoch, dass bei Jordan gar nichts echt sein darf. Die guten Enteignetenhier unten, die bösen Enteigner, die mit ihren eigenen Waffen geschlagenwerden, da oben – vor diesem Kitsch-Kontast mag ihm gegraut haben. Auch dieLichtgestalten müssen deshalb dunkelste Schatten werfen. Also soll BobMontagnets Gangstervergangenheit, die ihn zum Robin Hood prädestiniert,nur ein Hirngespinst sein. Ein postmoderner Scherz, der einen Gesichtsverlustfür Nick Nolte mit sich bringt, weil seine schmerzgekerbten Zügeaufhören, intuitiv von gelebtem Leben zu überzeugen. Die gröbsteVerbiegung muß die Gestalt der osteuropäischen ProstituiertenAnne (Nutsa Kukhianidze) hinnehmen. Dass Anne, nachdem sie von Montagnetaus den Klauen ihres Zuhälters befreit wurde, für ein bißchenDope dessen Coup verrät, ist eine völlig indiskutable Plot-Wendung.

Der wahre und der falsche Montagnet. Das Unschuldslamm und die Petze.Zwei Gemäldesammlungen, eine falsche im Casino und eine echte in einerhochgesicherten Festung nebenan. Vielleicht ergeben sich die irritierendenSpaltungen und Verdoppelungen, die „The Good Thief“ durchziehen, daraus,dass die diebische Heimsuchung der Reichen ein Entlangtasten an Spiegelbildernist, was ja auch eine nützliche Lehre sein kann. Als Bob mit Anne insCasino geht, um die nötige Ablenkung für seine Spießgesellenzu besorgen, warnt er sie vor den geilen Böcken im Frack, windigen Finanzjongleurenund gelifteten Schönheiten der feinen Gesellschaft. Aber am Ende derNacht, mit einem unverhofften Riesengewinn am Rouletttisch und einer achtzehnjähriggewordenen Anne im Arm wird Bob dazugehören. Angesichts soviel Wirklichkeitgewordener Altherrenphantasie bleibt das von Nick Nolte verkörperteund an die Krawattenträger adressierte „Fuck you!“ nur als gequältePose im Gedächtnis.

Andreas Günther


 


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