 | | Derrida, USA 2002, 85 Min. B + R: Kirby Dick, Amy Ziering Kofman; P: Amy Ziering Kofman; M: Ryuichi Sakamoto;K: Kirsten Johnson;Ton: Mark Z. Danielewski, Pascal Depres, Benoit Hillebrandt; Schn: Kirby, Dick, Matt Clarke | | |
Kerner für müde Seminaristen "Cinéma vérité...", spottet Derrida einmal im Vorbeigehen beiläufig in die Kamera von Kirby Dick und Amy Ziering Kofman, diesen beiden Leuten, die den Philosophen nun schon seit Jahren filmen. Das Wort aus der Filmgeschichte wird in Derridas Mund zum ätzenden Lästerwort. Einen Dokumentarfilm über Jacques Derrida drehen? Einen Film also, der eine Wirklichkeit abbilden will, aus unmittelbarer Anschauung eine Wahrheit herausschälen? Ein Widerspruch in sich, ist doch Jacques Derrida der Philosoph der Schrift. Für ihn gibt es bekanntlich "kein Außen des Textes", schon gar keinen Anspruch von Bildern auf Unmittelbarkeit und erst recht keinen auf Wahrheit. Derrida persönlich hat übrigens lange verhindert, dass auch nur ein Foto von ihm publik würde. Als dann in den bewegten 70ern ein Foto von Foucault in der Zeitung kam mit der Bildunterschrift "Derrida", hat der echte Derrida die theoretischen Skrupel überwunden und fortan eine andere Politik betrieben. Man spricht auch von seiner Altersmilde. Die haben sich die Filmautoren zunutze gemacht und eine Menge bewegter Bilder des Philosophen angefertigt. Aus dem erwähnten Widerspruch ihres Projekts zu Derridas Denken erhoffen sie sich produktive Reibungen. Sie haben ihn fünf Jahre lang interviewt, zu Vorträgen begleitet und im Privatleben besucht. Über dieses Material werden immer wieder kurze Derrida-Passagen aus dem Off verlesen. „Derrida“ verfolgt gewissermaßen einen physiognomischen Ansatz: Derridas Gesicht, sein Schmunzeln und Lächeln, sein akademischer und alltäglicher kommunikativer Stil werden mit der Ironie seines Denkens enggeführt, in der Hoffnung, dass beides sich gegenseitig beleuchte. Derrida beantwortet Fragen nach einem Vortrag zum Thema Vergebung in Südafrika. Er isst ein Butterbrot und kämmt sich die schlohweißen Haare. Er lässt sich von seinen Interviewern zu einem Stehgreifvortrag über Echo und Narziss verleiten und verliert dabei charmant den roten Faden. In ihrem Ansetzen bei der Person können Dick und Kofman sich auch auf Derridas eigene Beschäftigung mit anderen Philosophen stützen, bei der er nie vor den Grenzen des Privaten, vermeintlich Unphilosophischen halt gemacht hat. Besonders weit kommen sie dabei aber nicht. Es werden zwar biographische Informationen über die Jugend in Algerien, Erfahrungen mit dem Antisemitismus oder mit dem Tod der eigenen Mutter eingestreut. Aber weder Derridas geistesgeschichtliches Umfeld noch seine breite Wirkung werden untersucht. Dekontextualisierung als Kontextverknappung. Die Autoren hängen Derrida gierig, brav und passiv an den Lippen, wenn er gesteht, an den großen Philosophen würde ihn, wenn er sie denn danach fragen könnte, am meisten ihr Sexleben interessieren - doch von seinem eigenen werden sie nix erfahren. Das wollen sie auch gar nicht. Etwas mehr, ja, journalistische Neugier und Recherche wären da schon angebracht gewesen. Beispielsweise ist es ja auch soziologisch relevant, dass es in der Welt der französischen Elite tatsächlich möglich ist, dass ein Premierminister Jospin mit einer Frau verheiratet ist, die vom Meisterdenker ein Kind hat. Dick und Kofman verlieren über so was kein Wort, sondern staunen und filmen. Derrida spießt ihre Haltung einmal auf: Er läuft mit einem Tross von Schülern über eine belebte New Yorker Hauptstraße und warnt die filmende Kamerafrau, sie solle doch lieber auf den Verkehr achten als auf ihn. Unter Anspielung auf Thales, der beim Sterngucken in einen Brunnen gefallen sein soll, sagt Derrida auf englisch: "Passen Sie auf, sonst geht es Ihnen wie den Philosophen: Sie fallen in den Brunnen, weil Sie Ihren Star betrachten." An solchen Stellen macht es „Derrida“ tatsächlich möglich, Derrida in Echtzeit beim Denken zu beobachten. Aber Dick und Kofman liegen falsch, wenn sie diese O-Ton-Trophäe trotz ihrer kritischen Ausrichtung insgeheim als Punkt für ihren Film verbuchen. Sie glauben, sie könnten sich gerade durch die Integration von solchen Szenen, in denen Derrida die Interviewsituation dekonstruiert, und durch andere reflexive Techniken gegen Derridas Kritik imprägnieren. Sie lassen ihn Interviews nachträglich kommentieren - ähnlich wie in „Im toten Winkel – Hitlers Sekretärin“ - oder filmen zum Schluss das Kamerateam beim Filmen. Aber das bleiben äußerliche Mätzchen. Im Kern ist „Derrida“ Kerner für müde Seminaristen, eben bloß ohne das Nachbohren ins Intime. Schon die musikalische Untermalung des Films mit schönklingendem Sakamoto-Weihrauch entlarvt seine krude Kino-Metaphysik, um hier mal auf eine Derridasche Kategorie zurückzugreifen. All die augenzwinkernde Reflexionssymbolik ändert nichts daran, dass die Autoren sich vor lauter Anhimmelei gar nicht erst trauen, Derrida auf seinem eigenen Feld zu begegnen, der Philosophie. Keine einzige philosophisch relevante Frage stellen sie. Es macht daher eigentlich überhaupt keinen Sinn, der impliziten Einladung von „Derrida“ zu folgen und ihn an Derrida-Kategorien zu messen. Wer Derrida noch nie gelesen hat, verlässt den Film so schlau als wie zuvor. Er sollte sich lieber ein Buch kaufen. Zu anderen Zeiten mag das Staunen mal der Anfang des Denkens gewesen sein, hier ist es sein Ende. Jakob Hesler
A propos Derrida: Links zu Derrida versammelt die Seite von J. Purcell. Wer sich für Jospins Gattin interessiert, die Philosophin Sylviane Agacinski, sei auf den biographischen Überblick von Rudolf Balmer verwiesen.
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