 | | Lilja 4-ever, S 2002, 109 Min. R+B: Lukas Moodysson, P: Lars Jönsson, K: Ulf Brantås, Musik: Nathan Larson, D: Oksana Akinshina, Artiom Bogucharskij, Elina Benenson, Lilia Sinkarjova, Pavel Ponomarjov, Tomas Neumann, Ljubov Agapova, Tõnu Kark, Nikolai Bentsler, Aleksander Dorosjkevitch Verleih: Arsenal; Bundesstart: 4.12. 2003 | | |
Ein Film wie eine Bratpfanne Lucky Moodyssons "Lilja 4-ever" ist einer der ekelerregendsten Filme der letzten Zeit.Er erzählt die Geschichte der 16-jährigen Russin Lilja, die vor den zerrütteten postsowjetischen Verhältnissen nach Schweden flieht und dort aufs brutalste zwangsprostituiert wird. Wie in seinen vielgeliebten früheren Filmen "Fucking Amal" und "Zusammen!" geht es Moodysson um jugendliche Befindlichkeit. Nur ist die diesmal alles andere als dazu angetan, Schmunzeln und Heiterkeit auszulösen. Liljas Welt ist eine düstere, auswegslose Hölle. So auch der Film. Kaum vorstellbar, dass jemand "Lilja 4ever" verlässt, ohne emotional völlig erschlagen zu sein. Jeder vernünftige Zeitgenosse weiß: Menschenhandel ist ein großes Unrecht und ein besonders zynischer Geschäftsbereich der ?freien? Weltmärkte. Moodysson glaubt aber nicht an die Macht des Wissens und will uns deshalb auch spüren lassen, was das für die Betroffenen bedeutet.Lilja lebt mit ihrer Mutter. Die Erzeugerin setzt sich mit einem ominösen heiratswilligen Exilrussen in die USA ab. Sie lässt Lilja im letzten Moment sitzen, statt sie wie versprochen mitzunehmen. Eine unbarmherzige Tante verfrachtet Lilja darauf in eine billigere, völlig heruntergekommene kleine Wohnung. In der Schule sinkt ihr Notenspiegel. Ihr einziger echter Freund ist der elfjährige Wolodja, der von zuhause ausgerissen ist. Er himmelt sie an, sie beschützt ihn. Zusammen hausen sie im Plattenbau und schnüffeln Klebstoff, bis Lilja auf dem Heimweg von einem desaströsen Prostitutionsversuch in einer Neureichendisco von einem netten jungen Mann aufgegabelt wird. Er gewinnt ihr Vertrauen und verspricht einen Job in Schweden. Sie lässt Wolodja sitzen und reist mit gefälschtem Pass in den Westen, d. h.: in ein nicht abreißendes Martyrium aus Vergewaltigung, Schlägen, sklavischer Prostitution. Moodysson erspart uns dabei nichts. Das krasseste Beispiel: Die Demütigung Liljas durch die schwedische Kundschaft wird aus ihrer Sicht in subjektiver Perspektive wiedergegeben. In grauenhafter Monotonie macht sich ein vermutlich repräsentativer Querschnitt der schwedischen Bürgergesellschaft über Lilja her. Die Zuschauer selbst werden dabei mitvergewaltigt. Das suspendiert alle mutmaßlichen aufklärerischen Absichten des Films. Moodysson erzwingt moralische Betroffenheit mit der ästhetischen Brechstange. Er erreicht zweifellos Ekel und Empörung über die wirkliche Welt. Aber das ist so wenig eine moralische, politische oder gar ästhetische Leistung wie das Aneinanderreihen von Bildern von KZ-Leichenbergen. Ab einem gewissen Punkt wird ein solches Verfahren selbst ekelhaft. Das mag als Strafe für Täter angebracht sein, wie einst in Buchenwald, und den Film als Anstaltsstreifen qualifizieren. Vielleicht aber gerade auch nicht, wie Kubricks Spott über solche Methoden in "Clockwork Orange" zu bedenken gab: Man kann nicht gewaltsam zur Gewaltlosigkeit erziehen. Neben dem Empathie-Terror quält Moodysson sein Publikum mit dramaturgischer Linearität - Liljas Weg ist vorgezeichnet - und mit metaphorischer Plumpheit. In einer frühen Schlüsselszene des Films fällt beides zusammen. Als Liljas Mutter zum Flughafen fährt, schaut die alleingelassene Tochter verzweifelt dem Taxi hinterher. Ein Hund fällt sie an und stürzt sie in Zeitlupe in den Schlamm. Ihr süßes Mädchenkleid wird dabei beschmutzt. Keine Frage, dass es Lilja selbst im weiteren ähnlich ergehen wird. Klar auch, dass wir es hier mit der bedrohten Unschuld persönlich zu tun haben. Negativ impliziert ist damit ein christlicher Begriffsrattenschwanz von Befleckung und Schuld. "Lilja 4-ever" nimmt dazu nicht weiter Stellung, sondern flüchtet sich halbherzig in Engelsallegorik: Wolodja erscheint Lilja in Schweden in reuigen Visionen als naive geflügelte Hoffnung. An ihrem Schicksal ändert das nichts. Reines Wissen ist zwar immer leer, von dieser Einsicht scheint Moodysson auszugehen. Doch er täuscht sich, wenn er glaubt, demgegenüber auf die Macht des reinen Gefühls bauen zu können. Dieses ist nämlich immer blind. Moodysson hält uns für eine dumpfe Horde, die es zum Guten aufzupeitschen gilt. Noch unverzeihlicher als diese Missachtung des Publikums ist allerdings die zynische Herabwürdigung des Gegenstands. Für "Lilja 4-ever" ist er bloßes Vehikel einer eitlen Demonstration nackter, manipulativer Kinogewalt, die aber im Gegensatz etwa zum ebenfalls eitlen "Dogville" nicht einmal reflektiert wird. Moodyssons rührselige Geschichte ist, ob absichtlich oder nicht, nur Mittel zum Selbstzweck. Jakob Hesler
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