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 | | The Five Obstructions, (De Fem Benspaend), DK 2003. R + B: Jørgen Leth, Lars von Trier, Idee: Lars von Trier, D: Claus Nissen und Majken Algren Nielsen (Ausschnitte "Det perfekte menneske", 1967), Jørgen Leth, Daniel Hernandez Rodriguez, Jacqueline Arenal, Vivian Rosa, Alexandra Vandernoot, Patrick Bauchau, Marie Dejaer, Pascal Perez. Verleih: Arsenal, Bundesstart: 8.7.2004 | | |
Marquis von Trier Lars von Trier hat einen Lieblingsfilm. 20 Mal hat er "Der perfekte Mensch" (1967) von Jørgen Leth angeblich gesehen. Was gibt es jetzt noch zu tun? "Wir wollen dieses kleine Schmuckstück zerstören". Sprichts und grinst Herrn Leth frech an, der ihm in seinem Büro bei Kaviar, Wodka und Blini gegenübersitzt. Von Trier hat es geschafft, Leth in die teuflische Falle eines aberwitzigen Filmprojekts zu locken, eine sadistische Hommage an seinen ehemaligen Lehrer am Dänischen Film Institut. Leth, hierzulande eher unbekannt, in Skandinavien ein renommierter Name und außerdem Dänemarks Königlicher Honorarkonsul in Haiti, soll fünf neue Versionen des Films drehen, nach willkürlichen Vorgaben und Hürden von Triers.Dann schauen sich die beiden "Der perfekte Mensch" an, der Zuschauer bekommt Ausschnitte zu sehen. Bei dem Kurzfilm scheint es sich um eine elegante Studie des modernen Menschen zu handeln, so weit man das aus der zweiten Hand des Filmzitats beurteilen kann, um eine existentialistische Pop Art-Inszenierung in schwarz-weiß: Ein befrackter junger Mann (Claus Nissen) tanzt vor neutral weiß strahlendem Hintergrund, nimmt eine Mahlzeit ein, flirtet mit einer Frau. Der Regisseur kommentiert: "Das ist der perfekte Mensch. Schaut ihn euch an. Was kann ein perfekter Mensch? Schaut, was er tut." Durchaus spannend, man hätte gern mehr gesehen. Bekommt man auch, allerdings nur als zwischengeschnittene Kontrasthappen zu Leths Remakes, die "The Five Obstructions" samt der jeweiligen Entstehungsgeschichte und gemeinsamer Sichtung "dokumentiert". Von Triers Regeln sind erwartungsgemäß absurd, ätzender Hohn über alle, die Dogma 95 ernst genommen haben. Im ersten Fall: Keine Einstellung darf länger als 12 Einzelbilder sein, und der Film hat auf Kuba zu spielen. Zigarrenliebhaber Leth eilt mit augenscheinlicher Freude ans Werk. Casting, Sonne, Dreh. Es wird ein ?spastischer? Film, ganz wie er es vorhergesagt hat. Ein fetter, schon etwas gealterter kubanischer Schönling macht den perfekten Menschen zigarreschmauchend nach. Der Schnitt zerhackstückt seine lächerliche Darbietung zu einer witzigen Jump Cut-Orgie: Aufgabe gelöst. Von Trier gefällt es, obwohl er skeptisch war, als ein gut gelaunter, gut gebräunter Leth sein Büro betrat. Schließlich will er ihn zu dem Punkt bringen, an dem er zusammenbricht. Es wird ihm nicht gelingen. Sysiphos Leth rollt den Brocken Mal um Mal elegant den Berg hinauf. Das ist erstaunlich, denn die Schikanen werden immer fieser. Leth soll den perfekten Menschen selbst spielen, am schlimmsten Ort der Welt, der ihm einfällt (für den ehrlichen Leth, der dem Schalk von Trier niemals Ironie, sondern immer handwerkliche Rechtschaffenheit entgegensetzt: Bombays Rotlichtviertel). Die nächste Fassung soll ein Cartoon sein (Leth: "Ich hasse Cartoons!" ? Von Trier: "Ich auch, darum geht es!"). Als Leth einmal gegen eine Regel verstößt, folgt als ?Strafe? die perfideste Obstruktion: Er soll den Film ohne jede Vorgabe neu drehen, und zwar so, wie er es selbst für richtig hält. Das ist wirklich teuflisch und der Beweis dafür, dass Lars von Triers perverse Fantasie keine Grenzen kennt. Doch dieses Beweises hätte es nicht bedurft. Von Anfang an waren von Triers Filme eine Gratwanderung zwischen Gut und Böse, zwischen inhaltlichem Erlösungsbedürfnis einerseits und reflektierter manipulativer Kraft andererseits. Erst die seit "Breaking the Waves" schwindelerregende Außmaße annehmende Unentscheidbarkeit zwischen ihren Polen hat diese Gratwanderung überzeugend gemacht. Wenn von Trier jetzt nicht mehr als rätselhafter Conferencier vor den Vorhang tritt wie in "Geister", sondern die Hosen fallen lässt, wenn er die ernsthafte Koketterie mit dem Guten ("Breaking the Waves", "Dancer in the Dark", "Dogville") aufgibt zugunsten der platten Affirmation des Bösen, und mag sie noch so spitzbübisch daherkommen - dann geht er seines Faszinosums verlustig. Sicher, reflexive Anknüpfungspunkte hat "The Five Obstructions" reichlich zu bieten. Man kann sie wie einen Abzählreim herbeten: Die Grenzen zwischen Dokumentarischem und Fiktivem werden verwischt, das Verhältnis zur Filmgeschichte hinterfragt, das Filmemachen wird als Versuch erkennbar, in jeder noch so widrigen Situation hinter der Leinwand eine gute Autorfigur zumachen. Sowie, einmal mehr: Restriktionen sind produktiv, was allerdings bekanntlich keine Neuheit ist. Schließlich: Die Tätigkeit des Künstlers/Regisseurs hat faschistoide Züge. Auch das ist nichts Neues, sondern findet sich etwa in "Idioten" ungleich eindringlicher erörtert. In "The Five Obstructions" lassen solche Einsichten deshalb kalt, weil sie ohne jeden Einsatz, ohne jeden Zweifel dem Arthouse-Publikum zum gemütlichen Verzehr vorgesetzt werden. Darin liegt eine bezeichnende und traurige Ähnlichkeit zum kurz zuvor abgedrehten "Dogville". Lars von Trier ist zu keinem filmemacherischen Risiko mehr bereit. Die Opfer sind jetzt die anderen. In den "Obstructions" ein Regisseur, in "Dogville" das Publikum. Der Größenwahn ist nicht mehr genialisch, sondern nur noch Privatobsession. Bewähren muss sich diese Haltung nirgends. Dass von Trier sich in seinem neuen Dokudrama mit schiefem Gebiss, undefinierbaren Flanellhemden und unsympathischem Gesicht zu einer Ikone der Hässlichkeit stilisiert, hat ihn jedenfalls sicher nicht viel gekostet. Da stiehlt sich jemand aus der Affäre. Jakob Hesler A propos von Trier: Neben den oben verlinkten Texten haben wir im Archiv auch noch die Kritik zur Dogma-Doku "The Purified".
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