Lost in TranslationLost in Translation USA 2003. B. und R: Sofia Coppola, K: Lance Acord, Schn: Sarah Flack, M: Brian Reitzell, Kevin Shields, Pr: Francis Ford Coppola, D: Scarlett Johansson, Bill Murray, Giovanni Ribisi, Anna Faris, Catherine Lambert und ganz viele Japaner.
Constantin, 8. Januar 2004

Sofies Welt

Am Anfang ist ein leinwandgroßes Lächeln. Ein Mädchenpopo liegt im Hotelbett und lächelt einem zu durch's opake Höschen. Später im Aufzug lächelt das Mädchen auch im Gesicht. Um sie herum stehen viele kleine Asiaten. Die beachten sie zwar nicht, aber ein älterer Amerikaner schaut sich nach ihr um, das freut sie. In der Lobby üben Frauen im Kimono Ikebana. Das Mädchen wird wortlos aufgefordert, einige Blütenzweige zu arrangieren, und ein kleines Glück huscht über ihre Lippen. Abends belächelt sie die geschmacksfreie Performance der Barsängerin, im stillen Einvernehmen mit dem älteren Herrn, den sie mittlerweile als Filmstar erkannt hat. Der ist hier, in Tokio, um ein paar Werbemillionen einzusacken. Sie hingegen begleitet ihren Gatten, einen Popfotografen, der immer unterwegs ist und nie für sie da. Ja, die Welt ist merkwürdig und der Mensch einsam, besonders in Japan, stellen Mann und Mädchen gemeinsam fest (mild lächelnd) und stürzen sich in nächtliche Abenteuer. Die bis zum Schluss platonische bleiben, er drückt ihr zum Abschied seinen Kuss nur auf die Haare.

Mit dem Lächeln ist es eine Sache. Jedermann freut sich drüber, jedermann hofft, dabei hübsch auszuschauen. Aber echtes Lächeln ist die flüchtigste Sache der Welt, Dauerlächler sind eine Pest. Echtes Lächeln kennt so viel Trauer wie Heiterkeit. Es ist so introspektiv wie nach außen gewandt. Lächeln ist ein Keim, der nie aufgehen darf, weil ihn ausgewachsenes Lachen verdürbe. Zum Lächeln gehört sein Ersterben.

Sofia Coppola, Tochter vom großen, dicken FF, will uns durch solches Lächeln becircen. Von zwei Fremden erzählt sie, die in fremder Welt für kurze Momente ganz beieinander sind. Und dabei ahnen: die sind das Wertvollste, was sie sich schenken können. Es hätte ein hübscher Film werden können. Hätte Sofia Coppola nicht eine derart selbstverliebte Popmusik- und Zeitgeist- und Bildkitschroutine runtergeleiert. Und wäre sie dabei nicht so feige gewesen, die Verlorenheit und Sehnsucht ihrer beiden Charaktere nie - nicht ein einziges Mal - ernst zu nehmen.

Bill Murray als schlurfige Midlifekrise und Scarlett Johansson als verspätetes Lolitaversprechen absolvieren einen bonbonbunten Szenenreigen zwischen Neonexpressionismus, Japanfolklore, Strippbars, Hoteldepression, Komasaufen, Bettgeflüster, Karaokelärm - und just immer dann, wenn sie einmal zur Ruhe kommen, wenn sie sich etwas sagen müssten, wenn wir neugierig werden, wie denn die Szene nun ausgespielt wird - dann kommt der Schnitt auf die nächste Japanpostkarte.

Einmal sitzen beide im Sushiimbiss, Murray hat die Nacht zuvor mit der Barsängerin gevögelt, Johansson ist verletzt. Oder müsste es sein. Man erfährt es nicht. Coppola lässt sie eine kleine Weile herumsitzen, dann schikaniert Murray die Kellnerin, dann stehen Mann und Mädchen im Aufzug und machen einen Spruch über japanisches Essen. Prompt taucht es wieder auf, dieses schmale Lächeln. Es soll uns Indikator dessen sein, was wir eh schon wissen, was nicht ausbuchstabiert sein muss. Wieder und wieder bedient sich die Regisseurin solcher Verkürzungen. Aber eine gekürzte Liebesgeschichte ist keine. Hinter dem romantischen Gestus steckt nichts als strategische Indifferenz, die vermeintliche psychologische Zurückhaltung entspringt erzählerischer Feigheit.

Keineswegs feige hingegen watscht Coppola all jene ab, unter denen der feine Geschmack ihres Heldenpaares (und vielleicht auch ihr eigener) so ungemein zu leiden hat. Die ach, wie spießige Gattin quält Murray durch penetrant nichtssagende Anrufe und Teppichbodenproben, der Werbepartner schickt eine Prostituierte, die hysterisch zuckend als Masochistin dilettiert: "Lupf mein Stlumpf!" Da kann der Komiker aber loslegen. Eine quäkende Britney Spears Doublette macht sich stellvertretend zum Trottel für die unappetitliche Hollywoodpartyposse, inmitten der Coppola wohl aufgewachsen ist. Johannsons blässlich-blasierter Gatte wird irgendwann einfach aus dem Drehbuch geschmissen. Japan aber, dem man das Lächeln doch nachsagt, es muss herhalten für derbe Brüller. In den Daddelhallen stehen autistische Spastiker vor Höllenapparaten, in der S-Bahn ältere Herren mit Schulmädchenmangas, in den Clubs drogensüchtige Aliens mit Fuselbärtchen. Hier ist nicht die geringste Neugier. Das Unverständliche, das Fremde wird umgehend diffamiert.

Nicht allein, dass "Lost in Translation" unfassbar dümmlich ist. Der Film tut mit Absicht naiv, um bloß niemand zu überfordern. Sofia Coppola beleidigt ihr Publikum doppelt. Ihm wird es recht sein, steht zu befürchten.

Urs Richter


A propos Befürchtung:

Die amerikanische Kritik überschlägt sich in Lobhudelei auf den Film. Hoberman von der Village Voice etwa siedelt ihn an zwischen Chris Marker und Jim Jarmusch. Der Mann muss blind sein. Einmal mehr aber behält Peter Brunett in indiewire.com den Durchblick.

Unsere Besprechung von Sofia Coppolas Erstling "The Virgin Suicides" findet sich hier.


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