Broken WingsBroken Wings Israel 2002. R. und B: Nir Bergman K: Valentin Belonogov, Schn: Einat Glaser-Zarhin, T: David Lis, Pr: Asaf Amir, D: Orly Silbersatz Banai, Maya Maron, Nitai Gaviratz, Vladimir Friedman, Dana Ivgi
Alamode, 8. Januar 2004

Für eine Beschäftigung mit dem Israel-Palästina-Konflikt ist in Nir Bergmans Familiendrama keine Zeit. Die fünf Ulmans werden vollständig aufgefressen von der Bewältigung ihres Alltags, verwickelten Gefühlen und kleinlichen Streitereien. An der Verwirklichung ihrer Träume hindert die 17-jährige Maya nicht erst einer dieser Mutter-Anrufe mitten in den Vorbereitungen für ein Konzert. Von täglichen Krisen, schwindenden Kräften und Desorientierung handelt schon der Song, den sie unterbrechen muss, um mal wieder auf ihre Geschwister aufzupassen.

Seit der Vater vor neun Monaten auf tragische Weise ums Leben gekommen ist und Mutter Dafna in der Klinik Doppelschichten als Hebamme schiebt, übernimmt Maya innerhalb der Familie deren Rolle. Eine geschlechtsspezifische Zumutung, die der Film später in eine von Schuldgefühlen zusätzlich angeheizte handgreifliche Mutter-Tochter-Battle münden lässt. Yair, der Älteste, flüchtet vor Schule und Trauer in einen selbstzerstörerischen Nihilismus. Sicher fühlt er sich bloß, wenn er im Mauskostüm Werbeflyer verteilen kann. Der 11-jährige Ido macht nachts ins Bett und bildet sich statt in Mathe und Geschichte lieber aus zu Israels bestem Trockenspringer in einem leeren Schwimmbecken. Und das Nesthäkchen Bahr trotzt jeder Bevormundung durch die älteren Geschwister.

Angesiedelt hat Bergman seinen Ensemble-Film in der Betonwüste eines der weniger gut bewässerten Wohnviertel Haifas. Das in der Tradition britischer Kitchen-Sink-Filme inszenierte Regiedebüt strandet aber nie in Tristesse. "Ich habe heute nicht ins Bett gemacht!" - "Macht nix, dann machst du's eben morgen." Neben solchen durch Sarkasmus und humorige Alltagseinsichten gelenkig gehaltenen Dialogen bringt immer kurz vorm Aus eine wohl dosierte Portion Slapstick neue Bewegung in die dysfunktionale Familie.

Für die Absehbarkeit der Katastrophe, auf die der Film zusteuert, entschädigen fein beobachtete und nuanciert dargestellte Zwischentöne aus einer ganz normal neurotischen, vaterlosen Familie und ein Ende, bei dem nicht alle Probleme eine Lösung finden. Diese Unabgeschlossenheit deutet nicht wie bei den britischen Vorbildern direkt, sondern "nur" im übertragenen Sinn aufs Politische. Sein Skript hat Bergman bereits 1996 zu schreiben begonnen. Die Ermordung Yitzhak Rabins, der für viele Israelis eine Vaterfigur darstellte, lag da erst wenige Monate zurück. Der unerwartete Erfolg von "Broken Wings" in seinem Herstellungsland spricht dafür, dass die allegorische Spiegelung der israelischen Verhältnisse auch sechs Jahre später ihr Ziel nicht verfehlt hat.

Christiane Müller-Lobeck


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