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 | | Ararat CN 2002. B. und R: Atom Egoyan, K: Paul Sarossy, Schn: Susan Shipton, T: Steven Munro, Ross Redfern, M: Mychael Danna, Pr: Robert Lantos, Atom Egoyan, D: David Alpay, Charles Aznavour, Arsinée Khanjian, Christopher Plummer, Marie-Josée Croze, Eric Bogosian, Brent Carver, Bruce Greenwood, Elias Koteas Kool Film, 22. Januar 2004 | | |
Wenn's denn der Wahrheitsfindung dient Zu diesem Film müssten die Kinobetreiber Beipackzettel ausgeben. Die Handlung ist derart kompliziert, dass man sich auf einzelne Szenen lange keinen Reim machen kann. Grob skizziert passiert folgendes: Der armenischstämmige, in den USA zu Erfolg gekommene Regisseur Saroyan dreht auf seine alten Tage "Ararat", einen Spielfilm in Hollywoodmanier, der vom Genozid handelt, den das türkische Militär während des ersten Weltkriegs an der armenischen Minderheit in der Türkei beging. Eine Figur dieses Films ist angelehnt an ein reales Vorbild: Arshile Gorky, der später in den USA als Maler berühmt wurde, aber an seinen furchtbaren Erinnerungen zerbrach. Bei der Charakterisierung Gorkys lässt Saroyan sich beraten von der ebenfalls armenischstämmigen Gorkyspezialistin Ani. Auch deren Sohn Raffi wirkt am Film mit, als Kameraassistent. Aufgerüttelt durch die Arbeit beschließt Raffi, sich mit dem Schicksal seines Volkes zu beschäftigen. Er bereist mit einer Digitalkamera die Osttürkei und kommt mit mehreren Filmdosen retour. Im kanadischen Zoll wird er festgehalten von dem pensionsreifen Beamten David, der angeekelt ist von seinem schwulen Sohn Philip, einem Museumsaufseher. Philip ist liiert mit dem halbtürkischen Schauspieler Ali, der in "Ararat" eine Schurkenrolle übernommen hatte. David weiß daher, der Film ist bereits abgedreht und vermutet (zu Recht) Heroin in den Filmdosen. Das Rauschgift schmuggelt Raffi im Auftrag seiner psychisch labilen Stiefschwester Celia, mit der er eine Affäre hat. Celia ist nie hinweggekommen über den Selbstmord ihres Vaters, Anis zweitem Ehemann. Bei jeder Gelegenheit klagt sie ihre Mutter an. Am Ende verhindert Philip eine Messerattacke Celias auf Gorkys wichtigstes Werk "Der Künstler und seine Mutter", "Ararat" feiert glanzvoll Premiere und David lässt Raffi laufen. Tatsächlich ist alles noch viel verwickelter und man fragt sich, wozu das ganze Story-Knäuel? Die familiären Konflikte einmal ganz beiseite geschoben: Egoyan möchte offenkundig mindestens drei unterschiedliche Weisen gegenüberstellen, sich mit dem bis heute aus den Geschichtsbüchern radierten "armenischen Holocaust" auseinander zu setzen: Saroyans gefühlsduseliges Reiter- und Kanonenepos schnitzt Historie zum hölzernen Spielfeld in Schwarz-Weiß, hat mit dem tatsächlichen Geschehen kaum zu tun, mogelt sich aber ins weiche Herz des großen Publikums. Anis kunsthistorisches Interpretationshandwerk füllt immerhin noch das Gestühl eines mittelgroßen Vortragssaals, spricht aber nur Spezialisten an und Zahnarztgattinnen. Raffis digitales Souvenirsammeln in Armenien ist achtenswert, aber endgültig Privatgespräch und bliebe ohne Zuhörer, wäre nicht der Zollbeamte David an seinem letzten Arbeitstag besonders milde gestimmt. Überraschenderweise spielt Egoyan dabei Raffis aufrichtig-naives Filmtagebuch nicht aus gegen das dramaturgische Gebolze des Spielfilms, spielt Celias wütende Hilflosigkeit nicht aus gegen Anis anmaßende Kulturgutverwaltung. Jede Geschichtsbearbeitung ist wertvoll, Hauptsache, sie findet überhaupt statt - so lautet offenbar die Didaktik des Regisseurs, der das Verhalten seiner Figuren großzügig gleichwertig nebeneinander bestehen lässt. Selbstverständlich entpuppt sich auch der Filmschurke als kluger Kopf. Allein dem Publikum traut Egoyan nicht all zu viel zu. Wir nämlich werden durch periodische Vorträge überbetonender Schauspieler angemahnt, uns die historischen Fakten zu gegenwärtigen. Der Drehbuchautor läuft über das Set und deklamiert Kriegsgeschichte, während im Hintergrund die Pappmachékulisse eingeleuchtet wird. David, der Zollbeamte, erhält erst durch Saroyan, dann durch Raffi ausführliche mündliche Lektionen - die er sich, uns zum Vorbild, aufmerksam reinzieht. Dass wir aber auch ohne solche Vormundschaft, bereits durch Sehen verstehen könnten, verneint Egoyan und misstraut damit, wohl ohne dass er's merkt, seinem eigenen Werk. Vielleicht aber ist er der pädagogischen Unbeholfenheit seines Film nur allzu gewahr und nimmt deshalb im Folgenden nicht nur die Handlung, sondern auch deren Deutung unter die Fittiche. Jahresdaten und Zahlenkolonnen können nicht ändern, dass der Genozid undarstellbar ist. Auch Raffis einsame Reise in die Vergangenheit bleibt lediglich Spurensuche: "Ja Mama, siehst Du, ich war da. Hier ist die Insel im Fluss, dort sind die Ruinen. Nichts deutet darauf hin, wer hier einmal gelebt hat." - lautet sein Video-Offkommentar. Die Kunst aber, sie allein streift an der Ewigkeit. "Mit diesem Bild entriss der Künstler seine Mutter einem Haufen Leichen. Es ist ein Symbol, woher wir kommen, wer wir sind.", verklärt Ani Gorkys Werk. Und auch der Film im Film schafft offenbar eine Wahrheit, wirklicher als die Realität. In einer einschlägigen Szene stolpert Ani ins Set von "Ararat", mitten hinein in die Dreharbeit. Der Hauptdarsteller herrscht sie an: "Wer glauben Sie, wer Sie sind?" - und deutet auf einen Komparsen: "Dieser Junge hat gerade seine ganze Familie verloren! Er hat mit ansehen müssen, wie ..." - und dann folgt eine Litanei des Gräuels. Betroffenes Schweigen am Set. Betroffenheit auch später, während der Premierenvorstellung: Filmleute, Künstler, die sich der Ergriffenheit über das eigene Werk nicht schämen. Und warum sollten sie auch, fragt Egoyan mit diesen Sequenzen, die natürlich auch offenbaren, wie er sein eigenes Schaffen gern interpretiert hätte. Gäbe es zu "Ararat" tatsächlich einen Beipackzettel, Egoyan würde dem Beipackzettel einen Beipackzettel beilegen. Urs Richter
A propos "Beipackzettel": PopMatters haben ein ausführliches Interview mit Atom Egoyan, in dem er freimütig eingesteht, dass nur ein unwissender Zuschauer ein guter Zuschauer ist: "I think it's better if you know nothing about it, because the effect of understanding that something of that scale could have happened without you knowing about it, is then almost cumulative as you watch. Vielleicht mochte der gebildete Guardian den Film aus diesem Grunde überhaupt nicht.
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