Die Nacht singt ihre LiederDie Nacht singt ihre Lieder, D 2003, 95 min. R: Romuald Karmakar; B: Romuald Karmakar & Martin Rosefeldt nach dem Stück von Jon Fosse; K: Fred Schuler; Schn: Patricia Rommel; Original-M: Captain Comatose; D: Frank Giering, Anne Ratte-Polle, Manfred Zapatka, Marthe Keller, Sebastian Schipper u. a.
Verleih: Prokino, Bundesstart: 19. 2. 2004

Leere Sätze

Die Filme von Romuald Karmakar waren immer schon nah dran am Theater. Ob es "Der Totmacher" war oder "Manila", das Kammerspiel ist Karmakars bevorzugtes Format. Und das gesprochene Wort spielt in allen seinen Filmen die Hauptrolle. Abwegig ist es also nicht, dass sich der 1965 geborene Regisseur jetzt einen fürs Theater geschriebenen Text vorgenommen hat. Erstaunlicher ist schon, dass es sich bei "Die Nacht singt ihre Lieder" um eine Liebestragödie handelt. So jedenfalls nennt es fast triumphierend eine Presseerklärung der Berlinale, wo der Film 2004 im Wettbewerb läuft.

Irritierend ist obendrein, dass die Vorlage von Jon Fosse stammt, einem Autor, dessen Stücke ausnahmslos im sozialen und geografischen Niemandsland spielen. Denn Karmakar hat immer wieder die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in Deutschland aufs Genauste seziert. Seine Dokumentationen und Spielfilme bestückte er mit Nationalsozialisten ("Das Himmler-Projekt"), einem Serienmörder ("Der Totmacher"), Söldnern ("Warheads") oder deutschen Sextouristen ("Manila").

Und nun: Eine Sie (Anne Ratte-Polle), ein Er (Frank Giering), ein ganz gewöhnliches junges Paar, ein neugeborenes Kind, der Besuch der Eltern (Manfred Zapatka und Marthe Keller), ein Liebhaber (Sebastian Schipper)."Ich halt das nicht mehr aus. Nein, ich schaff das nicht. Wir können so nicht weiterleben", mit diesen Worten beginnt die junge Frau einen Konflikt zu umkreisen, der eine Nacht lang ausgetragen wird und böse endet.

Doch Karmakar hat die Allerweltsgeschichte wieder zurückbefördert an einen konkreten Ort. "Berlin-Mitte hatte nach der Wiedervereinigung eine ganz bestimmte Funktion als Ort der New Economy. Und ich wollte mir mal ansehen,was 13 Jahre danach eigentlich übrig geblieben ist von diesem Boomfaktor und von dem dazugehörigen Glücksversprechen. Mitte hat ja heute eine unglaubliche Baby-Dichte, geblieben ist also vor allem ein Babyboom."

Und Karmakar sieht sehr genau hin. An der geräumigen und luftig eingerichteten Altbauwohnung des jungen Paars entdeckt ein erbarmungsloses Kameraauge vor allem das Beengende. In den Gesichtern tastet es in langen Einstellungen nach Fahrigkeit, nach Erleichterung und jeder denkbaren Regung von Hoffnungslosigkeit, wie man es von Ingmar Bergman kennt oder John Cassavetes.

Für das Draußen genügen wenige Sequenzen: ein Blick vom Balkon auf die Straße, ein Café, der Innenraum eines Autos, ein Club. Das sind die Räume,in denen sich das Gesicht der jungen Frau für einen Moment entspannen kann. Hier soll sich das Glücksversprechen von Berlin-Mitte einlösen, ihre Kopfhörer trägt sie mit sich herum wie ein Faustpfand. Dort draußen pulst elektronische Musik - mit Stücken von Maximilian Hecker, Swans und Michael Mayer erzählt Karmakar noch eine andere Geschichte vom Berlin-Mitte-Boom.

Der Mann, ein Schriftsteller ohne Veröffentlichung, bleibt lieber zu Hause und sucht in Büchern nach der Welt, in "Abfall für alle" zum Beispiel von Rainald Goetz. Die Frau wirft endlose Wortschlaufen über seine Stubenhockerei. Hier zeigt sich die Methode am deutlichsten, mit der Karmakar auch schon in früheren Filmen das Augenmerk der Zuschauer auf die Künstlichkeit von Sprache gelenkt hat. Seltsam steif vorgetragen, verweist die Sprache immer wieder auf die Theatervorlage.

Karmakar hält die Sätze nicht deshalb für künstlich, weil sie einem unnatürlich vorkommen: "Ich gehe nicht aus Kill Bill raus und würde sagen, dass Uma Thurman künstliches Zeug redet. Aber mir kann auch keiner erzählen, dass Menschen so reden wie in diesem Film. Auf eine bestimmte Filmsprache sind wir schon so konditioniert, dass wir sie als Wirklichkeit annehmen. Und eine Sprache, die viel näher an der Wirklichkeit ist, wie die von Fosse, wird dann als fremd begriffen."

Für ihn ist Sprache deshalb künstlich oder fremd, weil sie an der Realität der Leute vorbeizielt. Karmakar will herausfinden, warum sie oft so wenig dabei hilft, Konflikte zu lösen. Dazu versenkt er erst die Texte in seinen Schauspielern, um sie später über ihren Köpfen tanzen zu lassen: "Indem bestimmte Sätze wiederholt werden, entleeren sie sich, entkoppeln sich vom eigentlichen Inhalt und erzählen dann etwas anderes über denjenigen, der siespricht und die Situation, in der er sich befindet. Die Sprache macht das Leben der beiden zum Gefängnis. Das ist der Trick dieses Films. Er erzählt von der Ausweglosigkeit, in der sich alle befinden."

So etwas gibt es allerdings nicht nur in Berlin-Mitte. Und darüber kann man manchmal in diesem Film sogar herzlich lachen.

Christiane Müller-Lobeck


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