 | | Baby, D 2002, 105 min. R: Philipp Stölzl; B: David Hamblyn, Wolfgang Kohlhaase; K: Michael Mieke; M: Ingo Frenzel; D: Alice Dwyer, Lars Rudolph, Paul Filip Peeters, Frank Christian Grashof, Hamid Bundu, Tommy Irina Platon, Micha Hulshof, Barbara Philipp, Catherine H. Flemming u. a. Verleih: Kinostar; Bundesstart: 26. 2. 2004 | | |
Si tacuisset, Marius Satte, kalte Grauwerte erstrecken sich in drei Abstufungen übers Bild: Himmel, Meer und Strand. Von oben wallt schwarze Wolkenmasse herab wie Tinte in einem Wasserglas. Die Wellen brechen stereokrisp seitwärts ins Bewusstsein. Das Schwarz sagt uns: Die grummelnde Ruhe ist untrüglicher Vorbote einer Katastrophe. Sie kommt dann tatsächlich und zerschmettert eine harmlose Urlaubergruppe. Paul und Frank verlieren bei einem Unfall ihre Frauen. Franks kleine Tochter Lilli überlebt. Ein rosa Leuchtturm ragt in der linken Cinemascope-Ecke über einem sanften Hügel. Die Kamera verharrt auf dem grünen Gras, dem Bild des Friedens, und auf dem Leuchtturm, dem Zeichen der Hoffnung. Dann schwenkt sie langsam nach rechts und holt eine kleine Straße in den Ausschnitt, auf der uns passgenau ein roter Lada entgegenkommt und stoppt. Paul und Lilli steigen aus. Nun, 10 Jahre später, sind sie ein Pärchen, und auf der Flucht: vor der Polizei, vor dem Leben, vor Lillis Vater Frank. Hier, an der einsamen Küste, an der durch den Unfall der Grundstein für Paul und Franks unzertrennliche Freundschaft gelegt wurde, die jetzt in Gefahr ist – fühlen sie sich erst einmal in Sicherheit. Sie mieten sich einen Wohnwagen. Später geht Lilli mit dem Neffen der Campingplatzbetreiberin aus. Die beiden sitzen zurechtgemacht in einem Amischlitten und halten vor einem Club. Ihre Gesichter und die hellen Ledersitze sind in einen mürben Goldschimmer mit einem Anflug von Sepia getaucht. Das Gold sagt uns: Es wäre sehr schön für Lilli, wenn sich jetzt eine Romanze zwischen ihr und dem Gleichaltrigen anbahnte. Doch das Sepia sagt: Das ist in Wahrheit der flüchtige Wunschtraum von einer nie gelebten und doch schon vergangenen Jugend. Lilli kotzt auf die Autositze, denn sie ist von Paul schwanger. Der Abend ist aus. Die starke Stilisierung der Welt in „Baby“ erklärt Regisseur Phillip Stölzl in einem Interview: Er habe seine Geschichte, deren Figuren eigentlich den sozialen Untiefen des Rotlichtmilieus entspringen, in einer „mystischen“ Stimmung erzählen wollen. So spricht der Zigarettenhersteller vom Duft der Freiheit. Stölzls Bilder sind fasslich wie Werbung; glatt, rund, überdeutlich. Die ständig in langsamer Fahrt begriffene Kamera ruft als bloßer Index den Mystery-Code ab. Unterbrochen wird das Fahren und Schwenken nur für kalkulierte Cinemascope-Kompositionen, die dann in Ruhe bewundert werden wollen. Rechts und Links werden augenfällig austariert, Symmetrien aufdringlich in die Raumtiefe ausgedehnt. Stölzl, gelernter Bühnenbildner und erfolgreicher Musik-Video-Regisseur, winkt in seinem ersten Spielfilm mit dem Zaunpfahl: Hey, wir sind im Kino! Auch die Handlung mit ihren Ereignissen, Wendepunkten und Toten ist purer Code und frei von Originalität. Nur tut das nicht weh, da „Baby“ hier – im Gegensatz zum Visuellen – Originalität gar nicht beansprucht. „Baby“ besteht aus TV-Substanz, deshalb stört man sich gar nicht erst daran, dass auch die Figuren des Films aus dem entsprechenden Baukasten stammen. Lilli ist ein Teenie mit Teenie-Problemen. Der cholerische, rassistische, gewalttätige Türsteher Frank ist zugleich liebender Vater – und Rilke-Fan. Der fahrige Barkeeper Paul ist ein willenloser Versager mit leicht irrem Einschlag. Das ist traurig notorisch für den Schauspieler Lars Rudolph ("Die Unberührbare"); in seiner früheren Karriere als Sänger und Trompeter war er viel überzeugender. Ursprünglich sollte Paul mit Marius Müller-Westernhagen besetzt werden. Für ihn hat Stölzl viele Musik-Videos gedreht, er war es laut Stölzl auch, der ihn zu „Baby“ angespornt hat: Er sei jetzt ja auch schon über 30 und damit reif für den ersten richtigen Film. Er sehe eigentlich keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Musik-Clip, Werbung und Spielfilm, sagt Stölzl im Interview. Das sieht man. Was man bei solchen Filmen allerdings nicht mehr sehen kann: Wann im Kino der Hauptfilm anfängt. Jakob Hesler
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