 | | Kitchen Stories (Salmer fra kjøkkenet), Norwegen 2003. R: B: Jörgen Bergmark, Bent Hamer; K: Philip Øgaard, M: Hans Mathisen; D: Joachim Calmeyer, Tomas Norström, Bjørn Floberg, Reine Brynolfsson, Sverre Anker Ousdal, Leif Andrée, Gard B. Eidsvold, Lennart Jähkel u. a. Verleih: Arsenal; Bundesstart: 5.2.2004 | | |
Überwachen und Schlafen Rationalität ist der moderne Mythos schlechthin. Ihre Praxis ist die Rationalisierung. Alles muss immer effizienter werden, zeitsparender klappen, reibungsloser funktionieren – ob in der Wirtschaft oder im Privatleben. Welches lächerlich einseitige Menschenbild dahinter steht, zeigt der Norweger Bent Hamer in „Kitchen Stories“. Und zwar nicht im mahnenden Tonfall des Bocksgesangs der Kritischen Theorie vom Umschlag der Vernunft in ihr Gegenteil, sondern als kurzweilige Groteske.Die Komödie ist in einem stilisierten Schweden der 50er angesiedelt, in der Epoche der anbrechenden Konsumgesellschaft. Ein norwegischer Hersteller arbeitet gerade an der Rationalisierung der Küche. Nach umfangreichen Studien über die Arbeitsroutinen der Hausfrau sind nun die Junggesellen dran, die vom neuzeitlichen Küchenglück nicht ausgeschlossen werden sollen. In einem nordschwedischen Dorf nahe der Grenze werden zehn von ihnen in einem Langzeitversuch von Inspektoren beobachtet. Die nehmen auf einem speziellen Hochsitz in der Küche Platz und notieren alles, was sich bewegt. Totale Überwachung als Kehrseite des Effizienzwahns. Das ist natürlich keine paranoide Fantasie, sondern beispielsweise in der BRD längst Wirklichkeit, wie das pfälzische Konsumforschungsstädtchen Haßloch zeigt. Allenfalls läuft Hamer mit seiner Allegorie thematisch offene Türen ein. Der einzelgängerische Isak hat auf Überwachtwerden von Anfang an keine Lust. Zu dem Experiment gemeldet hat er sich nur wegen der Belohnung (ein Pferd). Ihm ist Folke als Beobachter zugeordnet, eine schwächliche Kafkasche Angestelltentype. Und Isak schlägt Folke ein Schnippchen nach dem anderen: Er knipst ihm das Licht aus, meidet die Küche, kocht im Schlafzimmer darüber und beobachtet den ratlosen Beobachter schließlich selber, durch ein kleines Loch in der Decke. Da Gespräche mit dem Untersuchungsobjekt strengstens verboten sind, muss Folke sich damit zunächst abfinden. Das Drehbuch legt hier allerlei Feuilleton-epistemologische Fährten in Richtung Heisenberg und Luhmann, die man getrost ignorieren kann. Schließlich kommen sich die beiden jedenfalls dann doch näher und begießen mit amerikanischem Schnaps ihre neue schwedisch-norwegische Freundschaft. Eines schönen Morgens findet Folkes Vorgesetzter Isak in Folkes Hochstuhl: Er schläft dort seinen Rausch aus. Kommunikation setzt sich gegen die Vorschriften durch, gegen die Reduzierung des Menschen aufs Funktionieren, gegen die ganze behavioristische Versuchsanordnung. „Kitchen Stories“ lebt hingebungsvoll den skandinavischen Hang zur Skurrilität aus. Der moderne Überwachungsstaat wird so ein wenig zur 50er-Schnurre verniedlicht. Andererseits erinnert der Film gerade dadurch daran, dass die totale Kontrolle nicht etwa erst eine Errungenschaft des Computerzeitalters ist, wie im Science Fiction oft suggeriert, sondern seit der Industrialisierung, spätestens dem Taylorismus und der Stechuhr in die Lebenswelt eingedrungen ist. Keine Erwähnung findet in „Kitchen Stories“ allerdings, dass die moderne Einbauküche (die „Frankfurter Küche“) schon 1926 erdacht wurde - von der österreichischen Kommunistin Margarete Schütte-Lihotzky, gemäß neuester „wissenschaftlicher“ Erkenntnisse. Jakob Hesler
A propos Frankfurter Küche: Über dieses Paradeexemplar tayloristischer Gestaltung informiert knapp das net-lexikon und wunderbar ausführlich eine online dokumentierte Hochschularbeit der HTA Bern. Einen Nachruf auf Margarete Schütte-Lihotzky (+2000) hat die KPÖ ins Netz gestellt.
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