ElephantElephant USA 2003. R. und B: Gus van Sant, K: Harris Savides, Schn: Gus van Sant, T: Felix Andrew, Pr: Dany Wolf, D: Alex Frost, Eric Deulen, John Robinson, Elias McDonnell, Jordan Taylor, Carrie Finklea, Nicole George, Brittany Mountain, u.a.
Kinowelt, 8. April 2004

Bunte, kalte Welt

Das Befremdende, das Bestrickende an "Elephant" ist die Distanz. Gus Van Sants jüngster und freister Film erzählt weniger von einem Schul-Massaker an einer Provinz-High School als dass er es vielmehr nachstellt. Er zeigt seine Vorgeschichte strikt von außen. Ein knappes Dutzend Schüler werden eingeführt, ohne psychologische Tiefe, sozialen Hintergrund oder auch nur persönliche Eigenschaften. Nathan, Elias, Michelle und die anderen, gespielt von gleichnamigen echten Schülern, werden von Inserts beim Namen genannt; sie sind lediglich Exempel, nichts als Vektoren ihrer Rolle in der üblichen, Genre-definierten High School-Hierarchie von Sportlern, Intellektuellen, Cheerleadern oder Außenseitern. Die einen leben im Fotolabor ihre Teenie-Kreativität aus, die anderen gehen Pfunde wegkotzen auf dem Klo. Alle ihre Leiden und Freuden sind nichts als Funktionen ihres Ortes im sozialen Spiel Schule.

Kaum etwas, das in "Elephant" geschieht, hat den Charakter einer Handlung, weder im dramaturgischen noch im konkreten Sinn. Wie freundlich die Schule, wie vernünftig der Unterricht auch sein mögen, der Schulalltag läuft gleichförmig, ziel- und willenlos ab, als sinnlose Turbulenz in einem leblosen Vakuum. So auch der Amoklauf von Eric und Alex am Ende des Films. Verstehbar gemacht wird er nicht, nur die Umstände werden aufgezählt. Sie entsprechen platterdings genau dem, was man als Zeitungsleser und Küchensoziologe erwartet: Eric wurde als Außenseiter gehänselt, er und Alex mögen fiese Ballerspiele, bestellen sich Waffen im Internet und erledigen dann ihre Mitschüler planmäßig in gleichmütiger Abhak-Manier. Simple Umstände, für deren Verständnis es Michael Moores Zeigefinger nicht im geringsten bedarf. Waren die Abgründe der vermeintlich heilen Jugendwelt in den High School-Horrorfilmen noch sadomasochistische Gewaltfantasie, bei Todd Solonz dann bespöttelbares Außenseitertum, beherbergten sie auch noch bei Larry Clark und Harmony Korine - deren "Kids" Van Sant 1995 produziert hatte - bei aller Verstümmelung und Brutalität vitale, exotische, interessante Lebensformen - so sind sie jetzt so alltäglich wie der Alltag selbst. Dieses Böse ist nicht einmal banal - es ist leer.

Der Film ist distanziert, nüchtern ist er keineswegs. Er wirkt klinisch, weil die Narration völlig motivationsfrei abläuft, aber dieser inhaltlichen Leere steht eine unerhörte formale Dichte gegenüber. Zum Beispiel im Fotografischen: Die Bilder sind eine Art lebendig gewordene state-of-the-art-Modestrecke, die sich in subtilen Licht- und Farbschattierungen ergeht. Der Film changiert zwischen dem nassen Gold und dem dunstigen Grau des Herbstes. Er lotet Skalen moribunder Blässe aus, die von den knalligen roten oder gelben Shirts der Jugendlichen im Vordergrund nicht wirklich aufgehoben werden. Von Anfang an liegt verhaltene Melancholie über den langen Einstellungen.

Meistens handelt es sich dabei um Steadicam-Fahrten. Diese bewegliche Technik verleiht "Elephant" den traumwandlerisch-unwirklichen Charakter. Immer, wenn ein neuer Schüler eingeführt wird, wechselt auch die Kamera die Perspektive und folgt ihm in Doom-Manier durch die langen Korridore, wobei sie sich auch gelegentlich subjektive Schlenker, deutende Gesten oder Brennweiten erlaubt. Später begegnet sie öfters auf kunstvoll verschlungenen Pfaden vorherigen Protagonisten wieder. So erschließt die Kamera nach und nach den Raum der Schule, vor allem in seiner sozialen Dimension - "Elephant" ist unter anderem auch eine architektonische Studie.

Dann kommt es bei den Kamerafahrten zu Zeitschleifen. Der reale und der Raum der Erzählung verknoten sich zu einem veritablen Zeitraum. Ganze Szenen werden wiederholt, eine sogar drei Mal, aus verschiedenen Perspektiven. Allmählich durchschaut man die Chronologie: Das Geschehen wird in zwei Zeitschienen wiedergegeben. Eine schildert das Vorspiel aus der Perspektive der beiden Täter, die andere die Stunden an der Schule vor dem Amoklauf. Diese beiden Ebenen sind alternierend geschnitten, in einer effektvollen, komplexen zeitlichen Verschlingung, die sich durch die Zuspitzung auf das Hauptereignis rechtfertigt, auf das Massaker; die also nicht nur ein manirierter Mechanismus ist wie in Inarritus 21 Gramm, wo die vermeintlich avancierte Verwirrung der Chronologie den Zuschauer nur beeindrucken soll und vielleicht darüber hinwegtäuschen, wie unrealistisch und gewollt der ganze Plot dort angelegt ist. Michelle, ein unglückliches Mauerblümchen, räumt in der Schulbibliothek Bücher ein und blickt verständnislos in die Kamera. Man hört das Durchladen einer Waffe. Schnitt zurück in die Vorbereitungen der Amokläufer. Der sparsame, gezielte Einsatz solcher Mittel sorgt für einen eigentümlichen Spannungsbogen des eigentlich undramatischen Filmmaterials.

Dass die Perspektive der Täter relativ privilegiert ist, zeigt auch die Klanggestaltung, die sich als verblüffend psychologisierend entpuppt. Immer wieder erzeugen unlokalisierbare düstere Atmo-Soundbits bedrohliche Stimmung. Die unmotivierte Begleitmusik einer frühen Szene, Albumblatt-für-Elise-Geklimper, wird viel später als Klavierspiel Erics aufgelöst, der zuhause gelangweilt auf dem Piano übt. Durch solche Wendungen erhält die Sichtweise des Films nachträglich einen subjektiven Einschlag. Ist die gähnende Leere im Dahinleben der Schüler womöglich nur Erics autistische Wahrnehmung, für den sie leere Zombies sind wie die distanzierten Pappkameraden seines Computerspiels? "Elephant" ist dem poetisierenden Gestus etwa von "Virgin Suicides" unter der Hand doch bedenklich näher, als es zunächst den Anschein hat.

Aber vielleicht ist diese teilweise Überlappung von Film- und Täterperspektive nur die Kehrseite der berührenden Grundstimmung dieser stillen Elegie der Leere: einer tiefen, fast hoffnungslosen Trauer, die sich nur noch in unterkühltem Romantizismus äußern kann. Dessen Ikone in "Elephant" ist das verletzlich wirkende Gesicht von John, dem ersten Schüler, der eingeführt wird, als einziger neben den Tätern etwas ausführlicher. Seine Wangen sind rosig, die Lippen wulstig, der blondierte Pony fällt ihm in die Augen. Einmal weint er über den Alkoholismus seines Vaters. Verstört schaut er zum Schluss auf das Schulhaus in Flammen, seine jugendliche Vitalität ist ein irrlichternder Farbtupfer auf dem grauen Meer des Umsonst.

Jakob Hesler

A propos Umsonst:

Betitelt ist der Film nach einer gleichnamigen BBC-TV-Produktion von 1989, in der - so erzählen Zeitzeugen - eine Unzahl von IRA-Morden nachgestellt und zusammenmontiert wurde (Regie: Alan Clarke, Produktion: Danny Boyle). Im Netz ist dazu leider nichts zu finden, auch nicht zu der Frage, warum der Film wohl so heisst...

Bemerkenswert auch die Kehrtwende, die Gus van Sant mit "Elephant" genommen hat. In Good Will Hunting und Finding Forrester war ihm vernünftige pädagogische Nestwärme mitnichten für die Katz.


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