 | | Monster USA 2003. B. und R: Patty Jenkins, K: Steven Bernstein, Schn: Arthur Coburn, Jane Kurson, M: BT, Pr: Mark Damon, Charlize Theron u.a., D: Charlize Theron, Christina Ricci, Bruce Dern, Lee Tergesen, Annie Corley 15. März 2004, e-m-s new media/Central | | |
Gut mit Menschen Das deutsche Filmplakat wirbt mit einer verräterischen Unterzeile: "In Amerika nannte man sie Monster". Sie, das ist Aileen "Lee" Wuornos (kleines Bild), 1991 in den Staaten für den Mord an sechs Männern zu Tode verurteilt und im Oktober 2002 hingerichtet. Im alten Europa hätte man sie erstens am Leben gelassen und zweitens für einen schwer resozialisierbaren Therapiefall gehalten - will der Verleih das mit dem Plakat behaupten? Was auch immer, es bringt eine bestimmte Hilflosigkeit in diesem Film zum Ausdruck. Dämonisieren will er die Serientäterin selbstredend nicht. Sondern Existenzumstände nachzeichnen, unter denen auch andere Menschen zu Mördern geworden wären. Aileen Wuornos wurde in Kinderjahren missbraucht, hat sich seit früher Jugend prostituiert, war tabletten- und alkoholabhängig, einsam, der Gewalt ihrer Freier ausgesetzt und litt unter einer undiagnostizierten Geisteskrankheit. Hätte sich die Gemeinschaft der Frau angenommen, statt sie zu malträtieren, die Verbrechen wären womöglich nicht passiert. Bis hier hin langt der Stoff für eine deprimierende, voraussagbare Sozialstudie. Andererseits - "Monster" will ein übermenschliches, in diesem Sinne tatsächlich: monströses Melodram zum Besten geben. Wuornos kauert durchnässt unter einer Highwaybrücke, hat einen Colt und ein paar Dollar in der Faust. Für ein letztes Bier soll es noch reichen, dann Schluss sein. Sie landet in einer Lesbenbar. Und trifft die Liebe ihres Lebens, ein Mädchen, das von der erzkatholischen Familie in die Provinz verschickt wurde, ihrer Sexualität wegen. Ein Roadmovie beginnt und eine Lovestory, die einzig in der Katastrophe enden können. Im Hochgefühl, endlich für jemanden Wert zu besitzen, übernimmt Lee Selbys Bemutterung. Mit dem Anschaffen soll demnächst Schluss sein, doch jetzt muss irgendwie Geld her fürs Abhauen. Der nächste Freier vergewaltigt sie brutal, schlägt sie zusammen, droht, sie umzubringen. Lee begeht ihren ersten Mord. Kehrt zum Motel zurück mit Brieftasche und fremdem Pick-up. Und weil sie bereits seit Jahren das Leben einer Gesichts- und Namenlosen führt, hinterlässt sie keine Spuren. So geht es immer weiter. Lee tötet, damit sie Geld haben. Selby tut, als ob sie nichts bemerkte. Und ganz am Ende, als Polizisten das Mädchen doch zum Verrat gebracht haben und beim Telefonieren ein Band mitläuft, auf das Lee ein Geständnis plappern soll, da opfert die sich, zieht alle Schuld auf sich, hält die Idee dieser Liebe rein vom Dreck ihres Lebens. Hier streift die Erzählung den Bonnie und Clyde-Mythos, hier wird jene große Vision angestrengt, die alle gesellschaftlichen Umstände hinter sich lässt. Der Regisseurin Patty Jenkins fallen leider nur Cartoons ein, um diese beiden divergierenden Fluchtlinien ihres Films zusammenzuzwingen. Etwa wenn sie Wuornos auf Suche nach dem seriösen Job im geschmacksfreien Sekretärinnenkostüm durch muffige Personalbüros jagt. "Ich bin sehr gut mit Menschen" - geht ihr Text und man krümmt sich im Kinosessel bei solch brutalem Hintergehen der Hauptfigur. Was das "Monster" aber endgültig zur Parodie macht, ist dessen Besetzung mit Charlize Theron (großes Bild). Wer bloß kam je auf die Idee, dass die Performance attraktiver Darstellerinnen Oscarreife erhält, sobald sie Proletten spielen, die scheinbar keine Zeit und Lust zur Körperpflege haben? Abgesehen davon, dass niemand mehr Wert legt auf äußeres Erscheinen als gerade jene, funktioniert solch absichtvolles Verhässlichen niemals. Halle Berry in "Monsters Ball" (noch ein Ungetüm im Titel) war lediglich unglaubwürdig. Theron aber mit ihrer steifgeschminkten Gesichtmaskerade, den geairbrushten Mitessern, dem grauenhaft abkopierten Haare-trotzig-nach-hinten-Werfen, ihrem ungelenken Posieren mit Bierdose, Kippe und Baseballkappe - Theron offenbart mit jeder einzelnen Geste, dass sie nichts, aber auch gar nichts aus Wuornos Leben an sich heran lassen will. Sie hat den Film koproduziert. Ihr erster offizielles Date haben Lee und Selby in der Rollerdisco. Selby (Christina Ricci) stöckelt armwedelnd übers Linoleum, Lee nimmt sie bei der Hand, gleitet rückwärts, aufrecht, elegant. Wie eine Gymnasiastin. Urs Richter
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