Der Wald vor lauter BäumenDer Wald vor lauter Bäumen D 2003 B. und R: Maren Ade, K: Nikolai von Graevenitz, Schn: Heike Parplies, T: Jörg Kidrowski, M: Nellis du Biel, Ina Siefert, Pr: Janine Jackowski, D: Eva Löbau, Daniela Holtz, Jan Neumann
Verleih: timebandits, Start: 27.1.2005

I lern ä paar Leit känna

So paradox es ist, asozial kann jemand auch sein, weil er übersozial ist. Wie die Bekannten, die einem durch zuvorkommende Einfühlsamkeit ein Problemgespräch aufnötigen, obwohl man lediglich ein bisschen kokettes Selbstmitleid wiegen wollte. Oder jene, die als Gäste des Gelages noch den Abwasch anfangen ("Lass nur, ist doch schnell erledigt"), wo man sich eigentlich gerade die Birne wegschädeln wollte. Oder jene, die am Telefon fragen, ob man noch was vorhabe heute - ohne zu checken, dass man sie partout nicht dabei haben will. Man drückt rum mit den Leuten, kann ihnen nicht ins Gesicht springen und keinen Vorwurf machen. Sie nerven, weil sie so nett sind. Man schämt sich seiner Gedanken.

Solche Menschen können nicht genießen, haben Angst vorm Alleinsein und keinen Stolz, denkt man. Die müssten mal aus sich raustreten. Maren Ade erzählt ihr Langfilmdebüt aber ganz konsequent aus der Perspektive eines eben solchen Menschen - da ist nichts mit raustreten, nicht den kürzesten Moment. Man sieht die arme Protagonisten offenen Auges ins Messer laufen, kann nicht wirklich Mitleid haben und will sie doch die ganze Zeit in den Arm nehmen. Als dramaturgische Entscheidung entwickelt das viel Sog, als Kinoerfahrung Folterqualität.

Melanie Pröschle hat ihre Referendarszeit im heimischen Schwabenland absolviert, die erste Stellung verschlägt sie in eine Realschule in Karlsruhe. Die Gören reagieren auf ihre Jugendgruppenjovialität durch Killerinstinkte. Das erfahrene Kollegium auf ihre verschämte "Bissel frischer Wind"-Antrittsrede noch spöttisch, später startet offenes Mobbing. Ein einziger Kollege ist um sie bemüht, jedoch mit Hintergedanken.

Einen Schulfilm hat die Regisseurin wohlgemerkt nicht gedreht. Zur Gesellschaftsanalyse, auf cineastisches Glatteis also, sich nicht hinreißen lassen. Das öffentliche soziale Setting dient nur dazu, das private Desaster noch schärfer zu modellieren. Wäre Frau Pröschle eine schlechtbezahlte Altenpflegerin im zehrenden Schichtdienst, diese Divergenz würde wohl nicht so schmerzen. Aber eine motivierte Lehrkraft, umgeben von Jugend, einigermaßen entlohnt bei geregelten Erholungszeiten - und dann derart unfähig, mit dem Leben klarzukommen?

Der Einkauf neuer Blumenübertöpfe gerät fast zur Gewissensentscheidung. Das Telefonat mit der Mutter endet in kleinkindlicher Zerknirschung. Den Versuch, andere Gäste des Bistros anzusprechen, hätte ein Autist besser hinbekommen. Maren Ades anfängliche Skizze der Heldin schrammt nur sehr knapp an der Karikatur vorbei. Das ändert sich, als Melanie ihre Nachbarin kennen lernt, Typ amüsiergestresster Single mit Hang zum Etepetete. In hündischer Ergebenheit läuft sie der nun nach, hilft im Haushalt, trägt gar den Müll weg, erzwingt Begegnungen, Einladungen, Aufnahme in den Bekanntenkreis und lädt das große Missverständnis dieser Beziehung devot bei sich selbst ab. Hätte die Begegnung sexuelle Komponenten, man müsste von Masochismus sprechen.

Die Penetranz ist wichtig, mit der diese Konstellation in immer neue Sackgassen getrieben wird. Ade inszeniert Drehbuchsituationen, keine Psychologie. Je länger wir Melanie begleiten, umso fremder wird sie. Ein Geheimnis, eine Erklärung fehlt. Die besten Szenen bestehen im kalten Beobachten, wie jemand beobachtet. Hier nimmt der Film dann auch cineastisch Haltung an. Sein schmieriger Reality-TV-Look a la "Lensen und Partner" macht Sinn, weil er keinen Charakter inspiziert, sondern einen Fall. Dessen Ausgang steht fest. Die Inszenierung des Endes jedoch ist so überraschend, ökonomisch, richtig, dass ihretwegen "Der Wald vor lauter Bäumen" sehenswert ist.

Aber Maren Ade vertraut nicht allein der Penetranz ihres Buches. Sie verdoppelt sie überflüssigerweise durch Melanies Typisierung. Wir sehen sie im Schlafanzug und Blumenbett, mit Teddybär, unter selbstgemalten Efeuranken. Jeden ihrer unbeholfenen Sätze beginnt sie mit "Du, ...", beendet ihn mit Luftschnappen und zupft sich hinten die Hose zurecht. Beim Autofahren macht sie "Ah, Oh, Uff". Ihre Einrichtung, Klamotten, Frisur, Musik sind Geschmackskatastrophen, man kann kaum hinschauen. Diesmal schämt man sich nicht für die Figur, sondern weil die Regisseurin sie so sauhart abserviert.

Urs Richter


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