Dieses Jahr in CzernowitzDieses Jahr in Czernowitz Deutschland 2004, 133Min. R+B: Volker Koepp, K: Thomas Plenert, Susanne Schüle, Schn: Angelika Arnold, mitRia Gold, Harvey Keitel, Tanja Kloubert, Norman Manea, Evelyne Mayer, Katja Rainer, Johann Schlamp, Gabriele Weissmann, Eduard Weissmann u. a.
Verleih: Salzgeber, Bundesstart: 17.6.2004.

Plumpsworte und Sehnsuchtsorte

"Herr Zwilling und Frau Zuckermann" war einer der erfolgreichsten Dokumentarfilme der letzten Jahre. In Berlin stand Volker Koepps Porträt der beiden kauzigen Czernowitzer zwei Jahre auf dem Kinoprogramm, ohne dass eine Vorstellung mangels Zuschauern ausfallen musste. Nach "Kurische Nehrung" und "Uckermark" hat sich der langjährige Defa-Filmer jetzt noch einmal für die Geburtsstadt Paul Celans interessiert, diesmal als Ort einer Herkunft: Bei Premieren von "Herr Zwilling und Frau Zuckermann" in aller Welt lernte Koepp Nachkommen der wenigen Juden kennen, die den Massakern der deutschen Truppen und den Transporten in die Vernichtungslager entkommen konnten.

Es sind diesmal nicht die kleinen Leute, die Koepp sonst zu Wort kommen lässt, sondern Künstler und Intellektuelle. Als Prominentesten hat er Harvey Keitel hinzugenommen, dessen Mutter aus Transylvanien stammt. Die Auswahl ist nicht ohne Tücken. Czernowitz galt früher als Zentrum jüdischer Kultur und Hauptstadt toleranten Miteinanders aller möglichen Volksgruppen im Osten der K.u.k.-Monarchie. Unter wehmütigen Worten könnte die Stadt in der heutigen Ukraine leicht zur Metapher werden, zu einem mythischen Ursprungsort universellen Denkens. Zumal Koepps dokumentarischer Stoizismus (kein Kommentar, keine Inserts, keine suggestiven Schnitte) sich schon immer mit der poetischen Bildsprache seines Kameramanns Thomas Plenert verbunden hat. "Arkona­Rethra­Vineta" war so ein Film, in dem die sagenumwobenen untergegangenen Städte zu Metaphern für eine ruinierte DDR wurden.

Und bei Koepp kann man tatsächlich zusehen, wie eine Stadt als Sehnsuchtsort inszeniert wird, die eigentlich ein Synonym für "Katastrophe" ist. In aller Ruhe lässt er seine Protagonisten Nester aus Worten bauen, in denen der Satz "Czernowitz ist meine geistige Heimat" ausgebrütet werden kann,­ bis sie selbst hinmüssen. Im Film dauert es eine Stunde, bevor die ersten von ihnen, über eine Karte gebeugt, den bukowinischen Wohnort ihrer Eltern undGroßeltern erkunden. Und dann kriegen alle die Kurve, sogar Harvey Keitel, dem in New York noch Begriffe wie "roots" und "our spiritual earth" aus dem Mund geplumpst waren. Vielleicht auch weil es heute in Czernowitz trotz der erhalten gebliebenen Jugendstil-Architektur nichts zu beschönigen gibt, weicht die Verklärung Berichten über die Zerstörungen der "österreichlosen Zeit" (Rose Ausländer). Wie immer ordnet Koepp dabei seine Gesprächspartnerzu Paaren an, damit auch das Zuhören ins Bild kommt. Nur dass, wer hinhört, diesmal ungewohnt viel Historisches erfährt.

Christiane Müller-Lobeck


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