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 | | Zatoichi – Der blinde Samurai (Zatôichi), JP 2003. R. und B: Takeshi Kitano, nach den Geschichten von Kan Shimozawa, K: Katsumi Yanagishima, Schn: Takeshi Kitano, Yoshinori Oota, T: Akira Nakano, M: Keiichi Suzuki, Pr: Masayuki Mori, Tsunehisa Saitô, D: „Beat“ Takeshi, Tadanobu Asano, Yui Natsukawa, Michiyo Ookuso Concorde, 24. Juni 2004 | | |
Zatoichi Monogatari „Zatoichi“ ist ein Bastard und es muss einen freuen, wie unbekümmert Kitano im neuen Film die Genres kreuzt, obwohl lange Tradition auf dem Sujet lastet. Die Figur des umherziehenden, blinden Masseurs Zatoichi, der spielsüchtig ist und sein unbezwingbares Schwert aus dem Gehstock zaubert, wenn Gauner Wehrlose ärgern, ist in Japan ein U-Idol wie bei uns Old Shatterhand. (Mit „Daredevil“ war neulich dessen amerikanische Variante im Kino, aber nicht halb so vital.) In den frühen 60ern hat ein Allround-Entertainer namens Katsu Shintaro den kampflustigen Tramp erfunden und bis zu seinem Tod 1997 in über dreißig Filmen verkörpert. Ich weiß es nicht, aber womöglich spielen japanische Dreikäsehoche so angetan Zatoichi, wie die hiesigen Winnetou. Allen Pop-Ikonen gereicht die Verhohnepipelung zu noch größerer Popularität. Nur wer, wie Pierre Brice, über die Persiflage und den „Schuh des Manitou“ ergrimmt, macht sich ohne Not selbst altersnärrisch. Jede echte Ikone beweist im Zerrbild erst recht Würde. Das muss Takeshi Kitano gedacht haben, als die Nachlassverwalterin von Katsu Shintaro ihn mit der Bitte anging, einen weiteren „Zatoichi“ zu drehen und selbst die Hauptrolle zu spielen. Auch Kitano ist Allround-Entertainer. Die Kabarettbühne kennt ihn als Part der Stand-up-Comedians „The Two Beats“, er moderiert Baseballspiele und kommentiert Politik, er ist Erfinder des kindischen TV-Formats „Takeshis Castle“, er betreibt eine Schauspielschule und die eigene Produktionsfirma, er malt, musiziert - und ist der radikalste Autor des japanischen Arthouse-Kinos. Der Tausendsassa hat das Idol also ins nächste Jahrtausend gewuppt und mitten in eine wilde Melange aus Samuraimelodram, Waisenkindermärchen, Tölpelcomic, Kurosawa-Hommage, Gendertrouble, Musical, Bauerntheater und Slashereffekten. All das ohne die Nostalgik der Figur entschuldigend in moderne Zitierwut aufzulösen, jedoch auch ohne ihr nachzuhängen. Er meine, Zatoichi sei ein Schurke, sagt Kitano und lässt ihn deswegen nicht mittanzen am Ende. Den größten Respekt erweist er dem Helden, indem er ihn für sich und uns neu erfindet. Im typischen Kitanowatschelgang, mit hängendem Kopf, geschlossenen Augen, rasiermesserscharfen Ohren und platinblond gefärbtem Haar erreicht Zatoichi ein Bauerndorf, das von zwei, drei rivalisierenden Clans terrorisiert wird und räumt auf wie weiland Yojimbo bei Kurosawa. Die Metzeleien sind dankenswert kurz gehalten. In Superslowmotion fährt die Kamera die wenigen Schwertstreiche nach, mit denen der Held sein blutrotes Zeichen in die Angreifer schlägt, und dann ist alles vorüber. Große Lust an seiner Gewalt zeigt der Film nicht. Aber an Spielereien, Gimmicks, Auszeiten vom dramaturgisch Geforderten. Ein Kreisel balanciert auf der Kante eines Fächers. Das Hacken der Bauern im Reisfeld sortiert sich „Dancer in the Dark“-mäßig zum Takt des Soundtracks. Ein Möchtegernsamurai will Bauernburschen trainieren und bekommt höllisch was auf die Mütze. Die Balance aus Flanieren, auch gern ins Alberne, Kitschige, und Verkürzen auf knappe Storywendungen, die Balance aus poetischer Binnenutopie und brutaler Action bekommt Kitano zwar schon lange nicht mehr so raffiniert hin wie in den frühen Filmen „Violent Cop“, „Boiling Point“ und „Sonatine“. Insbesondere konnte man dort gar nicht genug staunen über seinen Einfallsreichtum, durch Auflösung und Schnitt den Witz und die Moral nicht durch das Gezeigte zu erzählen, sondern durchs Zeigen. Mit der Kamera geht Kitano mittlerweile sehr viel konventioneller um. „Zatoichi“ ist dennoch eine organische Mischung aus Dramatik und Verspieltheit. Derart selbstvergnüglich, dass am blinden Helden sich mitnichten die angestrengte Feuilletondebatte um falsche Bilder, verfälschtes Sehen entzünden kann. Derart vital, dass man am Ende, als alle Figuren im gemeinsamen Stepptanz die Bühne erobern, die ihr Leben ist, keinen Gedanken an die Gemachtheit des Entertainments vergeudet. Das Multikulti-Gestompe treibt einen förmlich aus dem Kino. Nicht, weil man genug hat. Sondern weil man weiter will, zu neuen Taten. Urs Richter
A propos weiter: Die ausführliche Entstehungsgeschichte von Zatoichi und Kitanos Modifikationen werden hier erläutert. Ein Interview mit Kitano hat Artifical Eye.
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