 | | Power and Terror - Noam Chomsky in Our Times. Japan, 2002 / 2003, 98 min. R: John Junkerman, P: Yamagami Tetsujiro, K: Otsu Koshiro, Schn: John Junkerman, Hata Takeshi, M: Imawano Kiyoshiro Verleih: Neue Visionen, Bundesstart: 3.6.2004 | | |
Die Untiefen der Strukturen Das Sympathische an Noam Chomskys Aktivismus ist gleichzeitig der Haken daran. Der Anarchist ist bekanntlich von bürgerlichem Beruf Linguist, und zwar nicht irgendeiner. Oft wurde er der wichtigste des vergangenen Jahrhunderts genannt. Seit 50 Jahren arbeitet er an seiner Erfindung, der Transformationsgrammatik. Aber nie hat er seine politischen Überzeugungen aus seinen linguistischen Erkenntnissen deduziert. Nie hat er sich in haltlose Analogien zwischen harter Wissenschaft und weicher Lebenswelt hineinspekuliert, wie sie Alan Sokal mit seinem berühmten Fake-Artikel in „Social Text“ entlarvt hatte. In einem Interview hat Chomsky einmal Zusammenhänge zwischen der Erforschung der Tiefenstruktur der Sprachen und der Freiheit des Menschen wenn überhaupt, dann nur auf einer sehr abstrakten Ebene sehen wollen: Beides, Sprachregeln und Moralregeln, müsse dem Menschen irgendwie angeboren sein, und darin liege eine Kreativität, die ihn, Chomsky, an der Menschennatur fasziniere. Diese Trennung von Theorie und Praxis ist sympathisch, weil bescheiden, und sie ist naiv, weil zu bescheiden. In Wahrheit sind bei Chomsky beide vom selben guten, alten aufklärerischen Blickwinkel aus gedacht. Seine Grammatik fußt auf der Überzeugung, dass der Mensch (jeder Mensch) über universale „verdrahtete“ Spracherzeugungsstrukturen verfüge, sogenannte Tiefenstrukturen, aus denen jede beliebige Oberflächenstruktur erzeugt werden kann, dass heißt eine unbegrenzte Anzahl von Sätzen in beliebigen Sprachen. Derselbe Universalismus steckt auch hinter dem radikalen Anarchismus Chomskys, der auf die Möglichkeit einer vernunftmäßigen Planung der Gesellschaft setzt. Wenn Chomskys vernunftgläubiger Optimismus auch für das Publikum seiner Vortragsreisen (und der Dokumentarfilme über ihn) habituell ansteckend sein mag – in einer Epoche, in der nach einer nicht mehr ganz neuen Einsicht die Vernunft selber unvernünftig geworden ist, hat schlimme Folgen. Zum Beispiel die, dass Chomsky in den 90ern erhebliche Energie auf die Verteidigung der Meinungsfreiheit des neonazistischen Holocaust-Leugners Robert Faurisson verwandt und ihm für ein Buch sogar eine Art Vorwort verfasst hat. Meinungsfreiheit ist dem Anarcho-Individualisten ein so hohes Gut, dass es gar nicht darauf ankommt, ob eine Meinung nicht vielleicht zugleich ein Verbrechen ist, wenn auch etwa „nur“ das der Beleidigung oder Verleumdung, um merkwürdige juristische Konstruktionen wie „Volksverhetzung“ einmal außen vor zu lassen. In der performativen Untiefenstruktur der Sprache kentert der Grammatiker; dass wer etwas sagt, immer auch eine Handlung vollzieht, ist ihm egal. Von solchen Dingen erfährt man in „Power and Terror – Noam Chomsky in Our Times“ nichts. Der Film von John Junkermann, eine japanische Produktion, schaltet Aufnahmen von Vorträgen in Kalifornien und Japan zusammen mit vereinzelten Interviewbrocken. Er ist eine flache Werbestrecke für das Buch zum Film zum Buch („Power and Terror“, Europa Verlag). Unfreiwillig karikiert wird dieses Crossmarketing durch die immer wiederkehrenden, komischen traurigen Bilder vom aufgeregten Fan-Rummel um Chomsky nach seinen Vorträgen. Er signiert am laufenden Band oder posiert – sympathisch bescheiden – für Andenkenfotos. Ja, und ab und zu erfährt, wer sie noch nicht kennt, die Thesen Chomskys zu 9-11: „Alle bemühen sich, den Terrorismus zu stoppen. Dabei gibt es einenwirklich einfachen Weg: Hören wir auf, daran teilzunehmen.“ Damit sind nicht nur die Amis, sondern auch die scheinpazifistischen Deutschen gemeint, die z. B. die Türkei fröhlich mit Waffen für die Unterdrückung der Kurden versorgen. Über solche kurzen Infohappen geht „Power and Terror“ allerdings nicht hinaus. Wer sich für Chomsky interessiert, kaufe sich deshalb lieber eines seiner circa 70 Bücher, wenn auch nicht unbedingt „Power and Terror“, denn dabei scheint es sich laut Verlagsprospekt bloß um eine Kompilation aus anderswo schon Erschienenem zu handeln. Oder er schaue sich, wenn es denn ein Film sein soll, „Manufacturing Consent – Noam Chomsky and the Media“ an (1992, auf DVD erhältlich). Der ist wesentlich unterhaltsamer und bietet ungleich mehr Material. Und er ist reflektierter. Der Medienkritiker Chomsky wird ironischerweise hauptsächlich mittels Medienausschnitten porträtiert. Vor allem kommen aber viele Gegenstimmen zu Wort, unter anderem ein sehr beeindruckender Foucault, der Chomsky in einer Podiumsdiskussion falsche Naturalisierung gesellschaftlicher Strukturen vorwirft, und auch die Debatte zum Thema Faurisson wird aufgerollt. Und Gegenstimmen sind doch wohl das Mindeste in einem Film über einen solchen Fanatiker der Meinungsfreiheit. Jakob Hesler
A propos Chomsky: Ist Regelanwenden kreativ? Frage ich mich angesichts der Transformationsgrammatik und starre auf deren Struktur-Bäumchen, die aussehen wie die trostlos phantasiearmen Algorithmen eines Computerprogramms. Hier gibt’s eine Einführung. Der amerikanische Soziologe Werner Cohn dokumentiert auf seiner Webseite ungemein detailliert vermeintliche und tatsächliche Verbindungen Chomskys zur rechten Szene Frankreichs . Die spannende Diskussion von Chomsky und Foucault findet sich auf der „offiziellen Chomsky-Homepage“ transkribiert . Und überraschend viele online zugängliche Bücher (!) und Artikel Chomskys hat das ihm nahestehende linke US-amerikanische Z Magazine archiviert. Versteht sich von selbst, dass das alles viel interessanter ist als die dröge Doku.
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