La Mala EducaciónLa Mala Educación(Schlechte Erziehung), Spanien 2004. R. und B: Pedro Almodóvar, K: José Luis Alcaine, Schn: José Salcado, M: Alberto Iglesias, T: Miguel Rejas, Pr: Agustín Almodóvar, D: Gael García Bernal, Fele Martínez, Daniel Giménez-Cacho, Javie Cámara, Lluis Homar, Francisco Boira
Tobis, 30. September 2004.

Das Geschäft der Begierde

So sehr Pedro Almodóvar immer wieder behauptet, er interessiere sich nicht für die Kirche, er habe auch keine Rechnung mit ihr offen, so auffällig ist es, wie gern er in seinen Filmen die katholische Kirche provoziert. Sei es so explizit wie in "Alles über meine Mutter", wo er Penélope Cruz eine Nonne spielen lässt, die von einem HIV-positiven Transsexuellen geschwängert wird, oder eher implizit wie ihn "Sprich mit ihr", wo er einen Vergewaltiger zum Heiligen stilisiert. In "La Mala Educación" nun unternimmt Almodóvar eine Reise in die eigene Kindheit, in eine Klosterschule während der Franco-Ära. Auch er hat eine solche Schule besucht, und aus diesen Tagen scheint ihm neben dem Hass auf die katholische Verlogenheit auch eine große Liebe zum katholischen Brimborium geblieben zu sein. Die Bilder aus den Kindertagen sind üppig und traumgleich inszeniert, und dabei sind Kinderglück und der üble Verrat der pädophilen Padres an den Kindern nicht voneinander zu trennen.

Vielleicht ist diese Untrennbarkeit von Glück und Verderben der Grund für Almodóvars Besessenheit mit dem Thema. Schon in "Das Gesetz der Begierde" von 1986 ging es um eine Transsexuelle, die ihre frühere Schule aufsucht, um einen Priester zu erpressen, der sie als Junge missbraucht hat. Und auch dort gibt es einen Filmemacher, der seine Obsession mit diesem Thema in seiner Arbeit ausleben will. In "La Mala Educación" wagt sich Almodóvar wieder nicht direkt an das Thema. Er schiebt erneut einen Regisseur dazwischen, so dass er die Geschichte des Verrats an den Kindern nicht selbst verantworten muss. Das gibt ihm die Möglichkeit, sie als Film im Film schön zu verkitschen, ohne dafür Rechenschaft ablegen zu müssen.

Und sie sind anrührend, die Knaben in Anzügen mit kurzen Hosen, die mit ihrer reinen Stimme "Moon River" auf spanisch singen, oder unter Zwang dem Padre ein Loblied über seine Schule als Garten, in dem seine Liebe alles bestens gedeihen lässt. Und die sich im Kino beim Anblick einer schönen Leinwandnonne einen runterholen. Dass diese Kindheitserinnerungen Film-im-Film-Sequenzen sind, erfährt der Zuschauer allerdings erst später. Das hässliche Gesicht der außercineastischen Wirklichkeit zeigt sich schließlich in Gestalt einer unansehnlichen, heroinabhängigen Transe, zu der sich der entzückende, missbrauchte Knabe entwickelt hat.

Liebe sucht man diesmal bei Almodóvar vergeblich, man findet nur Besessenheit. Alle Figuren sind von einer Leidenschaft besessen: Der Junkie von seiner Droge, dessen Bruder von seiner Eitelkeit, der Regisseur von seiner lange verflossenen Jugendliebe, der Padre von seiner Pädophilie. Von dieser Leidenschaft getrieben, lügen sie sich durchs Leben und werden dabei einsam. Einigermaßen folgerichtig nennt Almodóvar "La Mala Educación" einen Film Noir, denn der zeichne sich aus durch "die Eigenschaften der Lüge und der düsteren Fatalität, die sich zumeist im Charakter einer Frau inkarnieren: der ‚Femme Fatale'". Die kommt auch vor, in Gestalt eines jungen Mannes. Und tatsächlich werden Almodóvars Filme seit "Sprich mit ihr" immer kühler. Auffällig, weil absolut untypisch für Almodóvar ist, dass in "La Mala Educación" keine einzige Hauptrolle mit einer Frau besetzt ist.

Wieder geht es hier um die große, reine Liebe, aber sie ist nur noch ein Phantom, hoffnungslos verschüttet unter dem Schrott eines Lebens, in das ein Junge eintritt, nachdem dieses sich durch den Missbrauch, wie es im Film heißt, in zwei Teile geteilt hat. Alles, was danach kommt, und wovon der Film außerdem erzählt, ist Maskerade. Und der Regisseur, der im Film die Geschichte seiner einzigen wahren, großen Liebe festhalten will, erzählt auch nur ein verkitschtes Lügenmärchen. Die Vergangenheit lässt sich nicht nur nicht einholen, man weiß später nicht einmal, ob sie jemals Wirklichkeit war.

Trotzdem, für einen Film Noir ist "La Mala Educación" noch viel zu leidenschaftlich. Und zu bunt. Eigentlich kann Almodóvar nichts anderes machen als Melodramen, verkorkste Melodramen mit verkorksten Charakteren und ohne Moral.

Was bleibt, in einer Welt ohne Liebe, sind die Träume. Und die zu inszenieren liebt Almodóvar. Wenn er uns dann zum Schluss darauf hinweist, dass es eben nur Träume sind, ist das Erwachen vielleicht bitter. Aber immerhin haben wir schön geträumt, und das ist doch immerhin ein ehrliches Geschäft zwischen Zuschauer und Regisseur.

Dirk Schneider


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