 | | Chronik einer Plünderung (Memoria del saqueo), ARG 2004, 118 Min. R+B: Fernando E. Solanas; K: Alejandro Fernández Mouján; Fernando E. Solanas; M: Gerardo Gandini Verleih: Pegasos, Bundesstart: 14.10.2004 | | |
Plastiksackfilm In Fernando Solanas’ “Sur — Süden” (1988) sammelt einer der argentinischen Oppositionellen vom “Tisch der Träume” während der Diktatur Dokumente und Bilder, die von der andauernden Ausbeutung des Landes zeugen. Sein gigantisches Archiv nennt er “memoria del saqueo” — “Verzeichnis der Plünderung”. Solanas hat weiter gesammelt. Die Massendemonstrationen nach der Verhängung des Notstandsrechts im Dezember 2001 hat er zum Anlass genommen, das Archiv zu einer dokumentarischen Chronik zu fügen, in deren Zentrum die horrende Auslandsverschuldung des Landes und der Ausverkauf der staatlichen Güter durch die örtlichen Eliten stehen. Mit “Die Reise” kehrte Solanas, der 1967 durch den filmischen Aufruf zur Revolution “Die Stunde der Hochöfen” schlagartig weltweit bekannt geworden war, nach einem Ausflug in die Politik zum Film zurück. Hier könne er mehr bewirken, meinte er — seine Partei “Frente del sur” war gerade gescheitert und sechs Schüsse in die Beine hatten ihm lebensgefährliche Verletzungen zugefügt, weil er seine Kritik an den “mafiotischen Zuständen” unter Staatspräsident Menem vor Gericht aufrecht erhalten hatte. Doch “Memoria del saqueo” trägt derart deutlich die Züge eines politischen Pamphlets, dass er wie eine erneute Abkehr vom Film anmutet. Beinahe so plump wie Michael Moore reiht Solanas Skandal an Skandal, jedes Gespräch mit einem “Experten” will nur seine These stützen, dass die Jahre nach der Diktatur die argentinische Bevölkerung in eine viel schlimmere Armut gestürzt haben, als jene selbst. Jedes hohläugige Kind kontrastiert bloß suggestiv Bilder vom prunkvollen Regierungspalast und steile Untersichten auf glitzernde Hochhäuser. Noch dazu erzählt Solanas kaum mehr als eine Geschichte der großen Männer, gern hätte man mehr erfahren über die Geschichte der sozialen Bewegungen, der Land- und Fabrikbesetzungen, der “piqueteros”, die hier bloß gestreift werden. “Wer nicht kreativ ist, ist ein Plastiksack”, heißt es einmal in “Die Reise”. So gesehen, ist “Memoria del saqueo” ein Plastiksackfilm. Schöner wäre es gewesen, Solanas hätte wieder eine seiner magischen Taschenkreationen gemacht, so einen Film, in den man auch etwas hineinlegen mag und der eine Weile hält, wenn man ihn mit sich herumträgt. Aber lang halten muss dieser gar nicht, denn Solanas, der in diesem Jahr auf der Berlinale für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, stellt schon den nächsten fertig: “Die Hoffnung stirbt zuletzt”. Christiane Müller-Lobeck
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