5x25x2, F 2004, 90 min. R+B: François Ozon, K: Yorick Le Saux, M: Philippe Rombi, D: Valeria Bruni Tedeschi, Stéphane Freiss, Géraldine Pailhas, Françoise Fabian, Michael Lonsdale, Antoine Chappey, Marc Ruchmann, Jason Tavassoli, Jean-Pol Brissart u. a.
Verleih: Prokino, Bundesstart: 21.10.2004

Rückwärts in die Katastrophe

Der Titel verheißt Formalistisches – eine auf das Essentielle reduzierte Kalkulation, eine filmisch umgesetzte Arithmetik der Paarbeziehung. Fünf Stationen der scheiternden Ehe von Marion und Gilles werden vorgeführt, vom Ende zum Anfang, von der Scheidung bis zum Kennenlernen in einem italienischen Urlaubsort. Die Struktur des rückwärtigen Etappenabschreitens (in dieser Form wohl erstmals verwendet in Harold Pinters Theaterstück „The Betrayal“) erscheint dabei motiviert durch eine Topik der Erinnerung und die Konstruktion eines erinnernden Rückblicks, der nach den archimedischen Punkten des Scheiterns, nach dem „wahren“ Ende der Beziehung vor dem formalen Rechts- oder Sprechakt der Trennung sucht. Bei Ozon wird diese Suche an den Zuschauer weitergegeben, der aus einer Sehnsucht nach Halt vielleicht einen solchen Punkt konstruieren soll und zu diesem Zweck von Ozon mit spektakulären oder besser: spekulativen Szenarien abgefederter Exzentrizität und kontrollierter Offenheit konfrontiert wird. Jede der fünf Szenen vermeidet dialogisch ausgebreitete Motivations- oder Kausalitätszusammenhänge, funktioniert aber über ein Ereigniskonzept, das solche Zusammenhänge durch die Hintertür wieder einführt, und veranschaulicht so nolens volens, dass sich psychologische Erzählkonventionen nicht einfach durch Subtraktion vom Plot oder strukturelle Vorgaben (wie hier die Rückwärtserzählung) tilgen lassen. Auch der konventionellen Zeitvorstellung – filmisch wie außerfilmisch – kann man so kein Schnippchen schlagen; Diskontinuität und Dissoziierung werden durch die Erzählstruktur gebannt, Kontingenz wird ausgeschlossen. Der Trick wird lediglich dem Zuschauer gespielt, nimmt doch die Form der Rückwärtserzählung einer Geschichte mit mehr oder minder katastrophischem Ausgang ihre Schärfe und Konsequenz – ohne sie freilich vollends zu löschen – und pfropft ihr eine andere auf, die, so willkürlich sie auch ist, als notwendig daherkommen muss, da es sich schließlich um den gesetzten Beginn handelt. In „5x2“ bleibt die Struktur dem Film äußerlich, wie überhaupt der Akzent auf Aspekten zu liegen scheint, die nicht der narrativen Gestaltung oder filminternen Organisation dienen.

Der Film setzt ein im Büro des seinen Text atem- und emotionslos verlesenden Scheidungsrichters und führt uns und das geschiedene Paar in ein Hotelzimmer zum sich anschließendem Break-up-Sex-Versuch, der in einer (analen) Vergewaltigung der Frau Marion durch ihren Ex-Mann Gilles mündet, gefolgt von dessen Frage, ob man es nicht doch noch einmal miteinander versuchen solle. Die Hilflosigkeit der Charaktere erscheint schon hier als dramaturgisch bedingt und durch die Erzählung nicht eingeholt. Trotz der drastischen Handlung und der Bemühung, Intensität über Nahaufnahmen der Darstellergesichter zu erzeugen, wird vor allem das Dekor stimmungstragend – dunkle Flure & Täfelungen, die kontrastiert werden durch die weiße Bettwäsche, die Ozon in „5x2“ fast leitmotivisch einsetzt wie die Wasseroberfläche des Swimming Pool in seinem letzten Film gleichen Namens. Mit Marions Verlassen des Hotels endet nach der Chronologie der Ereignisse der Plot des Films; die zweite Szene beginnt. Gilles Bart ist deutlich kürzer, Marion wirkt frischer, aber dennoch ausgelaugt. Ozon scheint die Platitude von der Wichtigkeit des „ersten Eindrucks“ in sein Kalkül aufgenommen zu haben – Bart und Frisur als Statthalter für Gefühlszustände. In der zweiten Szene wird der Gewaltdiskurs verlagert und manifestiert sich im gereizten Umgang der Noch-Ehepartner vor, bei und nach einem Abendessen mit Gilles Bruder und dessen jugendlichem Liebhaber, wobei die Unterhaltung über Treue und Verlockungen in einer Erzählung Gilles über die Teilnahme an einer bisexuellen Orgie kulminiert. Der vor dem Essen zu Bett gebrachte Sohn kommt in der dritten Szene zur Welt, und der Vater bleibt der Frühgeburt ohne Angabe von Gründen absichtlich fern und isst ein Steak. Die zentral positionierte Episode des Films frappiert nicht nur, weil hier das Zusammenspiel filmischer Verfahren der Annäherung und Herstellung von Intensität (Close-ups) sowie der Spaltung und Suggerierung von Distanz (Teilung des Bildes durch Objekte, durch Scheiben „gefilterte“ Sicht auf den Protagonisten) nahezu manieristisch in den Vordergrund rückt. Ozon benutzt seinen Protagonisten hier fast wie eine Marionette. Ein Desinteresse an männlichen Figuren fiel auch in anderen Filmen Ozons auf, aber nicht so sehr ins Gewicht. In „5x2“ ist die Diskrepanz trotz tendenzieller Gleichgewichtigkeit der Figuren schon durch das Spiel der Darsteller Stéphane Freiss und Valéria Bruni-Tedeschi sowie durch die zunehmende Ikonisierung der Schauspielerin immer spürbar. Wohl nicht zufällig in der Geburtszene wird das nun glattrasierte Gesicht des ohnehin sehr vage (z. B. in seiner Triebhaftigkeit) konturierten Gilles vollends zur reinen Projektionsfläche und er zur Figuration von Passivität und Entzug. Diese Rolle kommt ihm auch in der Hochzeitsnacht zu: In der als heiterer Reigen inszenierten Hochzeitsfeier der zweiten Szene verausgabt sich der frischgebackene Ehemann dermaßen mit Tanz & Trank, dass er die Nacht der Nächte verschläft, worauf seine Gattin das Hotel verlässt und sich an einem nahegelegenen Gewässer plötzlich in einem anderen Film aufzuhalten scheint: Die in ihrer Tonalität aus dem Film fallende, fast groteske Sequenz, in der Marion dort von einem aus dem Nichts auftauchenden, völlig überzeichneten Amerikaner erst bedrängt und dann im Sturm genommen wird, ist deshalb bemerkenswert, weil sie erzählökonomisch eher aus einem anderen Ozonfilm zu stammen scheint und als zur Schau gestellte strategische Setzung die Handlungslogik offen bricht. Natürlich wird aber auch der (Ehe)Bruch nicht vertieft oder gar zur phantasmagorischen Urszene ausbuchstabiert; über allem schwebt schließlich der Geist der Konstruktion, und der befiehlt die erste Begegnung (die sich natürlich – so clever ist der Film – als zweite herausstellen wird).

Die „5x2“ musikalisch begleitenden italienischen Schlager hatten es bereits vorweggesäuselt: Gilles und Marion treffen sich im Italienurlaub – er in Begleitung seiner spießigen Freundin, sie ganz allein. Als Marion ihre Zimmerschlüssel mit der Nummer 213 entgegennimmt, hält sie einen Moment inne und wird vom Portier gefragt, ob sie abergläubisch sei – und wir vermuten, stellen fest oder glauben uns zu erinnern, dass einige Zimmer in diesem Film (auch so clever ist der) – vom letzten Hotelzimmer bis zur Hochzeitssuite diese Nummer getragen haben. Vielleicht sollen wir nun abergläubisch werden oder aber der Taschenspielerei Ozons applaudieren, einen schicksalhaft auslegbaren Zug so beiläufig eingeschmuggelt zu haben. Marion lächelt jedenfalls, und wenn wenige Tage später Gilles Nochfreundin sich diesem nach einer durch Marion ausgelösten Eifersuchtsszene wenig lustvoll hingibt und uns die nun schon 80 Minuten zurückliegende Vergewaltigung wieder vor Augen geführt wird, denkt Gilles wohl schon längst an seine künftige Ex-Frau, die er bald darauf am Strand wiedersehen wird.

Dass Ozon Spaß an Verflechtungen hat und nicht an der Darstellung von Beziehungsalltag (was auch immer das genau sein mag) interessiert ist, dürfte angesichts seines bisherigen Oeuvres nicht verwundern, noch wird man es ihm zum Vorwurf machen wollen; dass aber dieses Desinteresse zu einer fast koketten narrativen Indifferenz führt, macht den Film mitunter zu einem (letztlich freilich leicht verdaulichen) Ärgernis. Weder reüssiert er als exemplarische Studie noch als Erzählung singulärer Ereignisse. Zwar spart er sich gängige Gemeinplätze weitestgehend, aber über sein scheinbares Sujet – die Paarbeziehung – hat er dennoch nichts zu erzählen, weil Ozon zwar auf Dekor, Arrangement und auch die Bildkomposition Sorgfalt verwendet, es aber versäumt, die wahrscheinlich anvisierte Offenheit und Komplexität narrativ zu unterfüttern, und des weiteren seinen Bildern und Einstellungen kaum einmal die Doppelbödigkeit von „Swimming Pool“ oder die Reflexionskraft von „Sous le sable“ zu verleihen versteht.

So sanft wie Marion und Gilles in der letzten Einstellung in den Sonnenuntergang schwimmen, gleitet der Zuschauer dann wenig später aus dem Kinosessel. Zum Vergessen angeleitet soll er nun wohl wenigstens ungehemmt in einem kitschigen Schlussbild schwelgen dürfen.

Daniel Eschkötter


startseite drucken newsletter bestellen