Die Bourne VerschwörungDie Bourne Verschwörung(The Bourne Supremacy), USA/D 2004, 108 min. R: Paul Greengrass, B: Tony Gilroy, n . d. Ro,an v. Robert Ludlum, K: Oliver Wood, M: John Powell, D: Matt Damon, Franka Potente, Brian Cox, Julia Stiles, Karl Urban, Gabriel Mann u.a.
Verleih: UIP, Bundesstart: 21.10.2004

Flucht- & Jagdszenen eines Wunderblocks

Die Zeitrechnung des klassischen Agentenfilms kennt gemeinhin eine Zäsur, die eigentlich kein Jenseits mehr duldet. Nach dem so genannten Kalten Krieg haben die Geheimdienste natürlich nicht ihre Tätigkeit eingebüsst – die ist schließlich selbstreproduzierend – aber ihren Nimbus. Die beschworenen „asymmetrischen Kriege“ machten auch vor den unsichtbaren Kriegern nicht halt, die nun – zumindest im Film – vornehmlich mit Terror(bekämpfung) und/oder Wirtschaftskriminalität beschäftigt sind. Jason Bourne, eine aus dem Kalten Krieg der Romane von Robert Ludlum in die Gegenwart übertragene Figur, scheint sich dieser Logik zu entziehen. Dank seines Gedächtnisverlustes, der auch in „The Bourne Supremacy“ wie ja überhaupt in unzähligen kommerziellen Filmen als Konstruktionskern und Handlungsmotor instrumentalisiert wird, ist er ein dramaturgisch beliebig beschreibbarer Wunderblock; Spuren politischer Konflikte trägt er nur in Form von Träumen (oder Traumata) mit sich herum und auch ansonsten ist er zwar mit Fertigkeiten, jedoch nicht mit Charakterzügen ausgestattet. In den beiden Bourne-Filmen wird er damit gleichermaßen zum Archetypus des Agenten der Post-Histoire und zum perfekten Actionvehikel. Wofür oder wogegen er kämpft, ist ihm weitestgehend unklar, aber trotz dieser teleologischen Obdachlosigkeit verrichtet er seine Tätigkeiten (Beobachten, Töten, Fliehen) mit einer situativen Präzision, die ihm dann doch immer die richtigen Hinweise liefert. Dem Gemeinplatz folgend, dass man vor sich selbst keine Ruhe hat, es sei denn, man versteht es, diese Unruhe zu externalisieren, ist die Action hier auch immer die Übersetzung einer narzisstischen Ursprungssuche in Bewegungsenergie, während die Momente der Heimsuchung Bournes durch Vergangenheitsfetzen als Stillstand der Action, als Schlaf der praktischen Vernunft und des Agenteninstinktes inszeniert werden. Beide Darstellungsstränge werden folgerichtig dann schließlich enggeführt in der konstruierten Urszene, die sich natürlich als der Schlüssel zur titelgebenden Verschwörung erweist.

Doch bis es soweit ist, werden wir auf eine genretypische Weltreise geschickt. Nach dem Berliner Prolog, in dem Bourne durch an einem Tatort hinterlassene, manipulierte Fingerabdrücke wieder ins Fadenkreuz gerückt wird, setzt die Handlung, die letztlich eine einzige Verfolgungsjagd gewesen sein wird, ein im indischen Esoparadies Goa, aus dem Bourne natürlich vertrieben wird, weil seine ihm unbekannte Vergangenheit ihn in Form eines russischen Auftragsmörders buchstäblich wieder einholt und in der Folge seine Helferin/Geliebte/Therapeutin Marie zu Tode und Franka Potentes Auftritt zu einem schnellen Ende kommt. Zur Sentimentalität verbleibt natürlich wenig Zeit, aber zumindest wissen wir nun, warum Matt Damon als Bourne den ganzen Film über mit gleichmäßig verfinsterter, Empathie abweisender Miene herumlaufen muss. Vielleicht liegt es aber auch am Wetter, denn im winterlichen Europa bekommt er auf seinem Trip, der ihn über Neapel, München und einen langen Aufenthalt in Berlin zum Finale nach Moskau führt, die Sonne kaum zu Gesicht, was durch die körnigen, ausgewaschenen Bilder atmosphärisch noch verstärkt wird.

Diese Ästhetik und das vom Regisseur Paul Greengrass bereits in „Bloody Sunday“, seinem Film über den „blutigen Sonntag“ (gewissermaßen die Urszene des Bürgerkriegs in Nordirland), erprobte technisch-visuelle Verfahren – Handkameraeinsatz und harte Stakkatoschnitte – korrespondieren in „The Bourne Supremacy“ mit dem Amnesie- wie mit dem Verfolgungsplot: Momente der totalen Desorientierung (des Zuschauers), in denen die Kamera in die Actionsequenzen gleichsam eintaucht, wechseln sich ab mit Totalen/Blicken von oben, die den Zuschauer an die jeweilige Überwachungsposition koppeln. Berlin, wo ein Großteil der Handlung abläuft (und wo auch die Moskau-Szenen entstanden sind), entfaltet sich auf Bournes Fluchten zu Fuß und per U-Bahn tatsächlich als Großstadt, die nicht nur auf Schauwerte reduziert wird, und eine Szene, in der „Bourne“ einen Studentenprotest auf dem Berliner Alexanderplatz als Kulisse und Bourne als Fluchtmöglichkeit nutzt, taugt durch die Unverständlichkeit der deutsch klingenden Rufe und die Unlesbarkeit der im Vorbeirennen ins Bild geratenden Transparente fast als kleine (unfreiwillige) Allegorie auf die Darstellung von Politik im Thriller.

Dass der Film dabei insgesamt gänzlich unironisch, ohne jedes Augenzwinkern, forcierte oder unfreiwillige Lacher (wenn man vielleicht vom in Berlin ortskundigen Publikum absieht), Extravaganzen und Effektüberbietungen sowie mit einem Minimum an Pathos daherkommt, möchte man ihm glatt als Qualität attestieren – trotz oder gerade wegen der ernsten Beflissenheit, mit der alte Genrekonventionen reaktiviert und übererfüllt werden: So sitzen CIA-Angehörige sorgenumwölkt in Konferenzzimmern und vor Bildschirmen, wenn sie sich nicht gerade gegenseitig ihre Inkompetenz vorhalten. Ränke werden geschmiedet, lange Mäntel getragen, die Welt wird mit falschen Pässen bereist – und am Ende stabilisiert sich das System wie in so vielen Agenten- oder Militärfilmen dadurch, dass es den Störfaktor, den einzelnen Verräter dazu bringt, sich selbst zu eliminieren. Aber es gibt ja noch Bourne, der primär sein psychisches System reinigt, indem er Buße tut für seine früheren Taten, und der dafür vom Film mit einer Heimkehr in ein sonniges New York, einer mütterlichen Agentin mit dem sprechenden Namen Landy und fast mit einer Neugeburt/Adoption in Form von Informationen über Namen und Herkunft belohnt wird. Es ist wohl davon auszugehen, dass sich nach diesem affektsicheren, soliden Actionthriller in absehbarer Zeit trotzdem wieder irgendwo eine System- oder Gedächtnislücke auftun und filmisch ausschlachten lassen wird.

Daniel Eschkötter


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