 | | Havanna Suite (Suite Habana), Kuba 2003, 80 min. R: Fernando Pérez, D: Francisquito, Norma Pérez, Waldo Morales, Ivan Carbonell, Raquel Nodal, Heriberto Borroto, Juan Carlos Roque, Jorge Luis Roque. Verleih: Kairos, Bundesstart: 25.11.2004 | | |
Keine Sinfonie einer Großstadt Suite - das klingt gefährlich nach "sweet". Bei einem solchen Titel darf man wohl Kubabilder der wenderianischen Welle erwarten: Auch in Castroland haben einige Filmemacher nach Wim Wenders’ "Buena Vista Social Club" auf liebenswerte musizierende Knittergesichter und den touristischen Blick gesetzt. Fernando Perez’ "Das Leben, ein Pfeifen" verstrahlte sogar schon zuvor, zur Musik des legendären Beny More, diese Stimmung von Sehnsucht und Optimismus aus einer pastellfarbenen Hauptstadt. Doch obwohl es durch und durch musikalisch ist, hat sein Stadtporträt "Suite Havanna" mit all diesem Wohlgefühl nichts zu tun. Will man eine Stadt porträtieren, gibt es im Groben zwei Möglichkeiten: Man kann Architektur und Verkehr in den Vordergrund stellen oder die in ihr lebenden Menschen. Walter Ruttmann hat in seinem Querschnittfilm "Berlin - Sinfonie einer Großstadt" mit emphatischer Fortschrittsgeste beide Aspekte zu einem großen Ganzen gefügt. Perez dagegen sah zu einem opulenten Orchesterwerk offenbar keinen Anlass. Seine rhythmische Montage fügt den Alltag von zehn Habaneros zu einem fragmentarischen Blick auf die Stadt. Suite heißt "Folge", darin mag auch eine Verbeugung vor dem Format der Telenovela stecken. 24 Stunden lang, von Morgengrauen bis Morgengrauen, begleitet die Kamera abwechselnd einen Gleisarbeiter, einen Krankenhauswäscher, einen pensionierten Professor, eine Parfümarbeiterin, einen kleinen Jungen mit Down-Syndrom, eine alte Frau, die ihre karge Rente mit dem Verkauf von Erdnüssen aufbessert und weitere Bewohner von Havanna. Zusammengehalten werden die sorgfältig gefilmten dokumentarischen Eindrücke von einer kakophonischen Tonspur. Kaum verständliche Satzfetzen verschränken sich mit flächigen Sounds, Melodien und überlauten Geräuschen, die von den Verrichtungen der Menschen in Havanna ausgehen: Pumpende Maschinen, gurgelnde Espressomaschinen oder surrende Fahrräder überlappen die Bildsequenzen und erzeugen die spezielle Musikalität von "Suite Havanna". Anders als das frustrierte Personal in Robert Altmans "Short Cuts" sind die Menschen in Perez' Havanna noch willens oder in der Lage, in ihrem Alltag Enklaven der Veränderung zu errichten. Nachts wird getanzt, gemalt, transgender gegangen oder Saxophon gespielt, auch wenn am nächsten Morgen bloß wieder die Maloche winkt. Das schöne Leben, das der Sozialismus versprach, hat sich in Melancholie verkehrt. Christiane Müller-Lobeck
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