 | | Baran, Iran 2001. R. und B: Majid Majidi, K:Mohammad Davudi, Schn:Hassan Hassandoost, M:Ahmad Pezhman, Pr: Majid Majidi, Fouad Nahas, D:Hossein Abedini, Zahra Bahrami, Mohammad Amir Naji Alamode, 20. Februar 2003 | | |
Die Liebe im Taubenschlag 1,4 Million Afghanen leben als Flüchtlinge in seinem Land, informiert uns der iranische Regisseur Majid Majidi zu Beginn seines Filmes "Baran". Einige Zeit nach dessen Fertigstellung sind durch den Angriff der USA auf die Taliban weitere Millionen afghanischer Menschen zu Flüchtlingen geworden. So rücksichtslos kann Realität das Kino überrunden. Was sie jedoch nicht einholen kann, ist dessen Versprechen, dass Realitäten sich auch ändern lassen. Jeder Film eröffnet sich die Möglichkeit, Ereignisse umzudeuten und ihnen Sinn zu erzählen. Majidis Kino gibt ein großes Versprechen. "Baran" individualisiert die Not der afghanischen Emigranten im Schicksal einer einzelnen Familie und erzählt sie aus der Außenperspektive, aus Sicht des pubertierenden Iraners Lateef. Der bekocht Arbeiter auf einer Baustelle, darunter viele afghanische Illegale. Einer von ihnen fällt vom Gerüst, Beinbruch. Anderntags tritt sein Sohn zur Arbeit an, ein Kind noch. Der Junge hat volle Lippen und lange Wimpern, kann keine Zementsäcke tragen, aber Ordnung in der Küche halten. Lateef schikaniert den Konkurrenten öffentlich, beobachtet ihn heimlich und entdeckt lange Haare, die unter dem Kopftuch versteckt sind. Lateef verliebt sich. Majidi inszeniert das ausgesprochen theatral, benutzt den Rohbau als Bühne, durch deren Ebenen die Kamera komplizierte Fahrten unternimmt. Schwarzarbeiten buchstäblich nach der Choreographie eines Taubenschlags und nicht frei von Komik. Später treibt sich Lateef durch ländliche Vororte Teherans, liebeskrank auf der Suche nach dem Kind, das von der Bauaufsicht vertrieben wurde. Wenn traurige junge Männer durch traurige Gassen gehen, fängt es auch im Iran an zu regnen. Die Liebe bleibt ein Haarklämmerchen mit Glitzerstein. Oft ist darauf hingewiesen worden, dass im staatlich zensierten iranischen Kino gesellschaftliche Konflikte nicht anders angesprochen werden können, als vermittels Geschichten aus der Welt und durch die Augen von Kindern. Dass diese Strategie der Kinderperspektive auch zu einer Masche werden kann, ist ein Vorwurf, den Majidi sich nach "The Color of Paradise" und jetzt "Baran" gefallen lassen muss. Onkelhaft verklären seine Filme die anerzählten Probleme zu Märchen und kappen den Bezug zur Wirklichkeit. Die Flüchtlingsgeschichte wird zur Lovestory. Dieses Versprechen ist zu groß, ihm ist nicht zu trauen. Urs Richter
|