ComandanteComandante USA 2003. R. und B: Oliver Stone, K: Carlos Marcovich, Rodrigo Prieto, Schn: Elisa Bonora, Alex Marquez, Pr: Oliver Stone, D: Fidel Castro, Oliver Stone
Alamode, 13. Januar 2005

Oliver der Große

Ob Alexander und Hephaistion, wäre es ihnen gegeben gewesen, alt zu werden, wohl miteinander über potenzsteigernde Mittel geredet hätten? Wahrscheinlich, falls das Drehbuch dazu von Oliver Stone stammen würde. Seit "JFK" sucht Stone der Biografie großer Männer immer wieder mit einer prekären Mischung aus Intimität und dem distanzierten Infragestellen historischer Wahrheiten beizukommen. Unterm Buttermesser seiner Methode landeten neben Kennedy andere jüngere US-amerikanische Mythen wie Nixon oder The Doors. Näher als Alexander der Große liegt da Fidel Castro: Im Februar 2002 hat sich Oliver Stone mit dem liebsten Langzeitfeind der USA zu einem dreitägigen Interview getroffen. "Comandante" dokumentiert zwei namhafte Männer beim freundschaftlichen Austausch über so menschliche Themen wie Frauen, Familie, Viagra, Bildung, revolutionärer Kampf, Folter, Invasion und Atomraketen.

Schnelle Schnitte, aufgeregt aufgenommene Details des Máximo Líder, aufs Stichwort genau eingestreute Archivfilme oder Impressionen aus dem Kuba von heute, durchgängig laute Musik: Stone setzt auch im Dokumentarfilm seine Methode der Entmystifizierung catchy und effektvoll ein. Ganz leicht lässt sich allerdings aus der zersplitterten Präsentation das Bild eines trotz seines Alters noch sehr eloquenten, intelligenten und vor allem humorvollen, mithin überhaupt nicht dämonischen Staatsmannes zusammensetzen. Diesen Castro werden nur wenige US-Amerikaner zu Gesicht bekommen. Der TV-Sender HBO zog sich nach anfänglichem Engagement zurück, und ein Screening auf dem Sundance Festival erbrachte bisher keinen Kinostart für die USA.

Wer "Comandante" sehen kann, wird sich wundern, wie wenig das Castrobild, das aus dem optischen Zersetzungsaufwand hervorgeht, über Kuba erzählt. Ein britischer Kritiker bemängelte die "Marshmellow-Fragen" des Interviewers. Im Gespräch mit einem aufs öffentliche Wort spezialisierten Politiker ist man mit der kumpelhaften Tour sicher schlecht beraten. Kein Wunder, dass Castro die Wahrheit über eine Beratertätigkeit Kubas für den Vietcong genauso wenig ausplaudert wie sonst irgendein Staatsgeheimnis. Das Problem liegt aber tiefer, und zwar in der Konzentration auf "Männer, die Geschichte machten". Der Mythenknacker Stone hätte auch knallhart investigative Fragen stellen können, allein durch die Person Castro lässt sich - Optik hin, Optik her - kein kaleidoskopartiger Blick auf die kubanische Variante des Sozialismus werfen.

Christiane Müller-Lobeck


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