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 | | Kontroll, Ungarn, 2003, 110 min. R+B: Nimród Antal, K: Gyula Pados, M: NEO, D: Sándor Csány, Zoltán Mucsi, Csaba Pindroch, Sándor Badár, Zsolt Nagy, Bence Mátyássy, Gyözö Szabó u. a. Verleih: Tiberius, Bundesstart: 27 1.2005 | | |
Im Bauch von Budapest Die Budapester U-Bahn hat zwei Gesichter. Dem Touristen bleibt die ehrwürdige Linie 1 in Erinnerung, die älteste Kontinentaleuropas, deren Haltestellen von Messing und Holz nur so strotzen. Sie verläuft unter dem Prachtboulevard Andrássi Ut tangential durch die Stadt, und zwar direkt unter der Straße, im ersten UG sozusagen – an schönen Tagen kann man manchmal vom Wagen aus verirrtes Sonnenlicht an den Treppenabsätzen erspähen. Wie 1860 in London wandte man auch 1896 in Budapest beim Bau die sogenannte "cut-and-cover"-Methode an: Straße aufreißen, ausschachten, Deckel drauf. Erst mit fortgeschrittener Ingenieurskunst begann man, U-Bahn-Tunnels tiefer durch den Grund zu buddeln, so auch die beiden anderen Budapester Linien. Abgesehen von der teils erhaltenen Ausstattung im stalinistischen Art deco und den Ostblock-typischen digitalen Sekunden-Countdown-Displays, die die Zeit bis zum nächsten Zug zählen, fühlt man sich dort wie in jeder anderen urbanen Untergrundbahn: tief im Bauch der Stadt und auf einem anderen Planeten zugleich.Es ist natürlich kein Zufall, dass Nimród Antals U-Bahn-Film "Kontroll" ausschließlich in den beiden modernen Linien spielt. Der Thriller hüllt sich wie anno dazumal "Subway" in den unheimlichen Charakter des U-Bahn-Labyrinths unter Tage. Auf Bezüge zum realen Budapest kommt es dem Film nicht an, wofür der Verzicht auf Szenen in Linie 1 symptomatisch ist – an sich ja ziemlich unwahrscheinlich in einer Geschichte, die aus der Sicht eines U-Bahn-Kontrolleurs erzählt wird, Bulcsú , der jeden Tag auf einer anderen der drei Strecken zum Einsatz kommt. Von der archetypischen Wucht, die so ein geschichtlich exterritorialer Genrefilm nötig hätte, bleibt „Kontroll“ allerdings weit entfernt. Bulcsú ist ein Einzelgänger, der das oberirdische Leben völlig aufgegeben hat und in U-Bahn-Stationen übernachtet. Seine offensichtliche Flucht vor einer vermutlich 'besseren' Vergangenheit ist der Motor des Films. Sofort lässt sich Bulcsú auf ein quasi suizidales Wettrennen durch die Tunnels ein, als ihn ein ehrgeiziger Kollege von einem anderen Team herausfordert. Als loser Handlungsfaden wird ein verrückter Serien-Killer eingeführt, der wahllos Leute vor die Bahn schubst. Bulcsú begegnet diesem Kapuzenmann immer wieder, als sei er sein alter ego. Doch dann begegnet er noch jemandem, einer schönen jungen Frau, die immer in einem grotesken Bärenkostüm herumläuft. Die Liebe ist die größte Kraft, die alles schafft. Im Grotesken und Skurrilen – darf man Osteuropa eine Vorliebe dafür zuschreiben? - schwelgt der Film auch ansonsten, wenn auch nicht so ausschließlich wie die neue tschechische s/w-Komödie "Nuda v Brno". Ein paar kurzweilige Momente ergeben sich im Kontroll-Alltag von Bulcsús Team, einem ziemlich chaotischen Haufen von Underdogs, die ihre mickrige Machtposition nur zu gern ausnutzen. Aber bald fransen die verschiedenen Stränge auseinander. Das Komische tritt zurück. Die effektheischende Mystery-Stimmung mit reißerischem Schnitt und pulsierendem Sound, zum Schluß visuell zu unwirklichem Gewaber aufgebläht, wirkt aufgesetzt. Zu viele Motive bleiben unaufgelöst. Der Widerschein von bläulichem Tageslicht verheißt schließlich nicht ganz glaubwürdig eine bessere Zukunft. Es ginge vermutlich zu weit, in diese Unentschlossenheit doch einen Bezug zur Wirklichkeit hineinzudeuten, etwa zu den mutmaßlichen Orientierungsneurosen des neuen Ungarn. Jakob Hesler
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