11.1411.14, USA 2003. R+B: Greg Marcks, K: Shane Hurlbut, M: Clint Mansell, D: Hilary Swank, Colin Hanks, Rachael Leigh Cook, Henry Thomas, Ben Foster, Rick Gomez, Clark Gregg, Shawn Hatosy, Blake Heron, Barbara Hershey, Stephen Milton, Stark Sands, Jason Segel, Patrick Swayze u.a.
Verleih: 3L Bundesstart: 1.9.2005

Another Case against Cognitivism

Der Augenblick hat es in sich. Keine andere Zeitform hat eine stärkere Anziehungskraft auf Dichter und Denker und Filmemacher. Im Augenblick kristallisiert sich Vergangenheit, er gebiert Zukunft, er ist der Katalysator der Existenz. Zufall und Notwendigkeit hebt er wechselseitig auf.

Aber nicht x-beliebige Punkte auf der trockenen Zeitachse des Physikers sind es, die interessieren. Sondern der besondere Augenblick, mit dem alles anders wird, der Riss in die Zeit, das Nu, der Kairos, eben der Moment, der es in sich hat. Wirklich eine interessante Sache. Greg Marcks verrät sie in seinem hochgelobten Spielfilmdebüt an eine trostlose Übung in Drehbuchmechanik. Den Augenblick setzt er um 23.14 Uhr an.

Um 23.14 geschieht in einem US-Provinzkaff ein tödlicher Autounfall, den wir gleich am Beginn aus der Perspektive des – vermeintlichen? – Verursachers sehen. Eines angetrunkenen Autofahrers, der sich mit hanebüchenen Ausflüchten gegenüber dem anrückenden Hilfssheriff immer tiefer in die Bredouille redet und, natürlich ganz wie der Zuschauer, überhaupt nicht versteht, was eigentlich los ist. Der Film widmet sich im Folgenden ausschließlich der Aufdröselung der Kausalitätsketten, die zu diesem Unfall geführt haben. Systematisch reduziert er scheinbare Zufälle auf die unterliegenden Fallgesetze.

Menschen haben dabei die Funktion von Billiardkugeln. Ein halbes Dutzend Figuren sind in jenen Moment verstrickt, Kleinstadtexistenzen mit unterschiedlichen Nöten und Sorgen. Zum Beispiel Teenager Duffy, der dringend 500 Dollar braucht, um seiner Freundin die Abtreibung zu bezahlen. Im roten TransAm fährt er zu einer Tanke, wo eine Bekannte arbeitet, gespielt von Hilary Swank, die dem Film die Gnade ihrer Mitarbeit in einer Nebenrolle erwies. Duffy will sie überfallen.

Mehr kann man aber über seine Geschichte, die im Film auf ein Dutzend Minutenhäppchen verstreut ist, nicht erzählen. Man bräuchte dafür ein Baumdiagramm. Und man nähme damit dem Zuschauer die Spannung. Liegt der Punkt, an dem Nacherzählung in Filmkritiken aufhören muss, sonst meist erst im hinteren Drittel der Geschichte, so hat Marcks das unselige Regime der Peripetie in alle 86 Minuten des Films wuchern lassen. Das hat den PR-technisch angenehmen Nebeneffekt, dass die Berichterstattung automatisch ein attraktives Mysterium generiert. Für den Zuschauer wird es zur atemlosen Hatz. Kaum hat man sich für einen Handlungsfaden zu interessieren begonnen, wird er einem schon wieder weggenommen. Weitere Fädchen: Patrick Swayze als besorgter Vater einer fragwürdigen Teenagerin (Rachel Leigh Cook, ganz wie in „Thirteen“). Ein Latin Lover, den sie auf dem Friedhof verführt. Und ein Van voll marodierender Teenager, von denen einer bei… einem – anderen? – Unfall… seinen Penis verliert. Die Kälte, die Marcks’ Wegrationalisierung des Erzählens verbreitet, wird durch unbeholfenen schwarzen Humor bemäntelt.

Marcks gibt zu Protokoll, wie stolz er auf die Nicht-Linearität des Films ist. Tatsächlich, ein bisschen ist es wie in "Amores Perros", wo der Zufall ratlos in die Episoden hineinragt, ein bisschen wie in "Jackie Brown", denn man sieht den Unfall aus verschiedenen Perspektiven, ein bisschen wie in "The Killing", es werden mehrere Vorgeschichten des Augenblicks abgespult, ein bißchen wie in "Memento", es wird gewissermaßen rückwärts erzählt. Es ist aber kein bißchen wie in "Rashomon": Alle Unklarheiten werden beseitigt, alle Variablen rausgerechnet, jedes noch so kleine inszenatorische Detail wird nachträglich motiviert, alle Brüche gehen auf, alles löst sich restlos auf in einem eitlen Nullsummenspiel.

Marcks könnte einwenden, dass doch trotzdem ein „echter“ Zufall übrigbleibt als Achse des Augenblicks — ein Unfall. Aber dieses Spiel ist nicht sauber. Oder ist die Reihenfolge der Sektionsschnitte, mit denen er uns die Kausaliät eintrichtert, etwa zufällig? Die Story ist vielleicht nicht linear, der Spannungsbogen ist es ohne jede Gnade. Ohne das philosophische Getue von "21 Gramm", um noch ein Beispiel anzuführen, aber mit demselben brutalen Kalkül, von Marcks ins unfreiwillig parodistiscche gesteigert. Ja, am besten versteht man "11:14" vielleicht regelrecht als Karikatur auf kognitivistische Filmtheorie, für die sich Filmeansehen im rationalen Assemblieren erschöpft, wie ich im Zusammenhang von "21 Gramm" schon mal gelästert hatte.

Jakob Hesler


A propos Kognition:

Nachgereicht sei hier noch ein Link zu David Bordwells wohlwollend einführendem Artikel, dem u. a. zu entnehmen ist, dass mein Kommentar das Thema noch nicht ganz erschöpft: "A Case for Cognitivism" .


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