Broken FlowersBroken Flowers, USA 2005. R+B: Jim Jarmusch, K: Frederick Elmes , M: Mulatu Astatke, Schn:Jay Rabinowitz, D: Bill Murray, Julie Delpy, Heather Simms, Brea Frazier, Jarry Fall, Korka Fall,Saul Holland, Mark Webber,Zakira Holland,Niles Lee Wilson,Jeffrey Wright,Meredith Patterson,Jennifer Rapp,Nicole Abisinio,Ryan Donowho
Verleih: Tobis, Start: 8.9.2005

That’s so 20th century

Dass der Film versehrt ist von Beginn, ohne Chance auf Heilung, indiziert der Titel. Die Versehrung des Protagonisten verrät sein Name nicht minder: Don Johnston, kein echter Star, kein echter Don Juan eben, aber doch nah genug in seiner Abweichung, um nachzufragen, sich mit ihm einen Spaß zu erlauben. Jim Jarmusch fragt nicht nach, er setzt. Dass er sich nur einen Spaß erlaubt, ist unwahrscheinlich. Und für das Heil interessiert er sich wenig, für Trost aber vielleicht.

Der Film setzt ein mit der strukturellen Beobachtung eines alten Kommunikationsprozesses – wie ein Brief auf Reisen geht, von der Hand, die ihn in den Briefkasten steckt (ob diese Hand Aufschluss gibt, fragt man sich später), bis zum Fußboden des Empfängers. So wie der Brief reist, wird er eine Reise anstoßen; so wie die Kamera ihn beim Eintreffen zeigt, mit einem travelling shot, der zu einem diskreten establishing shot wird, werden wir seinen Empfänger später ankommen sehen bei den mutmaßlichen Absenderinnen. Vielleicht ist die Haltung des Films zum Brief fast identisch mit seinem Blick auf den Protagonisten. Als der rosa Umschlag auf den Boden fällt, bebt nichts, und wenn er ein inneres Beben hervorgerufen haben sollte bei Don Johnston, dem immerhin von anonymer Hand mitgeteilt wird, er habe einen inzwischen erwachsenen Sohn, so bringt es nur die Tränensäcke kurz zum Zucken.

Denn „Broken Flowers“, erst der zweite Film Jim Jarmuschs, dem die zweifelhafte Ehre einer Synchronisation zuteil wurde, ist ein neues Kapitel vom Portrait des Künstlers Murray als alternder melancholischer Mann, das seinen Ursprung einst eben auf einem Sprungbrett in Wes Andersons „Rushmore“ hatte. Neben sorgfältig ausgewählten Soundtracks mit Ausgrabungs- & Entdeckungsappeal – hier der Jazzscore von Mulatu Astatke (Jarmusch hat freimütig bekannt, aus Johnstons Freund & Nachbarn Winston nur deshalb einen Äthiopier gemacht zu haben, um eine Plotverankerung für seine Musikwahl – und vielleicht die Erwähnung äthiopischen Kaffees – zu haben) – gibt es als Konstante in diesem von mehreren Autoren kompilierten Buch vor allem Bill Murrays Körper, seine starre, zu Unrecht oft als stoisch bezeichnete Miene, an denen sich jede Ausdruckslogik gebrechen soll und die doch gerade zur Chiffre eines neuen Ausdrucks geworden sind. Diese Art von Verständigung kann schnell jedes Leben aus einem Film & seinen Charakteren treiben, und auch gerade Murrays Deadpan-Spiel läuft in jedem Kapitel dieses Buches mehr Gefahr, nichts als seine eigene Ikonisierung zu zeigen. Zunehmend gewann man den Eindruck, Murrays Gesicht sei die Leinwand geworden, auf welcher ein Betrieb vermeinte, sich selbst beim würdelos-ehrwürdigen Altern zuschauen, bewundern, bemitleiden zu können.

„Broken Flowers“ zeigt, dass Jarmusch dies als Problem wohl erkannt hat und doch glaubte, es wegwischen zu können, ja zu müssen. Als Resultat sieht Murray so aus, als hätte ihn das eigene Ikonendasein so erschöpft, als bräuchte er vielleicht einfach eine andere Kulisse, einen anderen Leinwandhintergrund, um im Kontrast wieder sichtbar zu werden. Der Film ist bemüht um diesen Kontrast. Er ist weiterhin auch eine Probe darauf, ob & wie jemand Autor – und Leser – von Ereignissen sein kann. Johnston/Murray erscheint immer als jemand, der geschubst werden muss, und von dem wir uns gerne weismachen (lassen) möchten, er sei ihm danach doch besser ergangen als auf der Couch vor dem Fernseher im Fred-Perry-Trainingsanzug. Den Schubs geben der Brief und Nachbar Winston, ein Krimifreund, der vier mögliche Schreiberinnen/Mütter lokalisiert, die Route plant und D. J. noch Hinweise auf den Weg gibt, nach welchen Indikatoren für eine Autorschaft Ausschau zu halten ist.

So werden Johnston als Pauschaltourist seines eigenen Lebens und der Film mit ihm auf eine Reise geschickt, die man schwerlich als Suche bezeichnen kann. Im Rückspiegel, durch die Fenster der Leihwagen und Flugzeuge zieht gleichförmig ein kaum genauer kartographierbares Amerika vorbei; an vier, fünf Gemeinplätzen ist ein kurzes Verweilen angesetzt, gerade lang genug, um die besuchten Frauen blühen & welken, die Zeichen erstmal hilflos wuchern & dann anhalts- & bedeutungslos zu sehen. Die Schauplätze sind der Zeichen voll, Zeichen für denkbar unterschiedliche Lebensstile, die Johnston besichtigt wie ein übersättigter Museumsbesucher. Manchmal blitzt etwas auf zwischen seinem Dackelblick und dem betrachteten Objekt, an dem die Kamera einen Augenblick länger hängen bleibt – jungen Frauenbeinen etwa. Manchmal ist ein Nebensatz eine ganze Erzählung, eine vergangene, eine mögliche. So überfrachtet die Szenarien mit Johnstons vier Verflossenen, ihren Typisierungen, ihrem Dekor auch sein mögen, „Broken Flowers“ balanciert das Übertriebene, Groteske geschickt mit dem diskret oder peinlich Verschwiegenen & Angedeuteten. Das Offensichtliche, Ausgesprochene, Überakzentuierte treibt den Zuschauern die Klischeeassoziationen aus – keineswegs besserwisserisch. Das detektivische Schema, das diesem Plot – von einer seiner Figuren – eingespritzt wurde, ist lediglich die Umstülpung dieser Austreibung, und wenn Johnston später überall nur noch mögliche Söhne zu sehen scheint, hat er seine eigene Lektion noch nicht gelernt. „Die Vergangenheit ist vorbei, die Zukunft ist noch nicht hier. Daher, denke ich, gibt es nur das Jetzt.“ – Dies in etwa präsentiert er dem Jungen, den er kurz für seinen Sohn hat halten wollen. Die großen Worte & großen Gesten des Verlustes, des Verpassens, der Sehnsucht, sie vergehen in dem narrativen Hohlraum von „Broken Flowers“, noch bevor sie über die spröden Lippen kommen können, und wenn sie dann doch einmal den Weg nach draußen, zu uns zu finden scheinen, dann muss man schon die ganze Zeit weggehört & weggesehen haben, um Johnstons philosophischer Nicht-Lehre, dieser sich selbst aufhebenden Mischung aus Jarmusch-Zen & „Carpe diem“, eine Moral des Films ablauschen zu können. Vielleicht ist doch die Welt selbst vater- & sohnlos, und „Broken Flowers“ ist die Aufhebung von Murrays Auftritten in der antiödipalen Wes(Anderson)-World, ohne deren Stapelung von Kindheitszeichen. – In „Broken Flowers“ kommt kein Melancholiker heim und hat sich in der erfüllten Jetztzeit womöglich gar kuriert, hier ist jemand zurückgekehrt aus seinem Hafturlaub vom Leben, und ob in der den Film beendenden schwindelnden Kreisbewegung Knast oder Freiheit umrundet werden, ist so unentscheidbar wie irrelevant für die Qualität von Jarmuschs Leerstück.

„That’s so 20th century“ sagt einmal die Tochter von Sharon Stones Figur, ein Mädchen namens Lolita (und sie muss ja es schließlich wissen) zu irgendetwas, mit diesem abschätzigen, gelangweilt gedehnten Amerikanische-Teenager-„So“; und vielleicht versteckt sich in dieser merkwürdigen Etikettierung dann doch eine geheime Losung von Jarmuschs Film, in dem die Unterscheidung zwischen Aufbruch, Ankunft & Abschied so eigentümlich tröstend kollabiert sind.

br

Daniel Eschkötter

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