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 | | Offside, Iran 2006, 88 min. R: Jafar Panahi, B: Shadmehr Rastin, K: Rami Agami, Mahmoud Kalari, D: Sima Mobarak-Shahi, Shayesteh Irani, Ayda Sadeqi, Golnaz Farmani, Mahnaz Zabihi, Nazanin Sediq-zadeh, Melika Shafahi Safdar Samandar, Mohammad Kheir-abadi, Masoud Kheymeh-kabood Verleih: Movienet, Bundesstart: 29.6. | | |
Das Spiel mit den Regeln Das Abseits ist die eigentümlichste Fußballregel. Sie wird meist verletzt durch einen Angreifer, der zu weit vorgeprescht ist. Ist eine virtuelle Linie überschritten, wird das Spiel unterbrochen, und der Ball ist verloren. Es gibt keine weitere Sanktion, alle bleiben im Spiel. Innerhalb von Sekunden entscheidet sich, ob die Sympathien des Publikums auf der Seite des Schiedsrichters oder der angreifenden Mannschaft liegen, die man um ihren Erfolg gebracht sieht. Die Regel verlangt Akzeptanz, sie strukturiert das Spiel und die Taktik der Beteiligten.Der iranische Regisseur Jafar Panahi lässt in „Offside“ fußballbegeisterte Frauen die Grenzen des Erlaubten ausloten. Es gehört zu den Eigenarten der Islamischen Republik Iran, dass das Patriarchat nicht allein im Gesetzestext festgelegt ist. So existiert eine ungeschriebene Regel, die Frauen den Stadionbesuch verbietet, um sie vor den Vulgaritäten der Männer zu schützen. „Jede Einschränkung ist das Resultat vieler anderer Einschränkungen“, beschreibt Panahi die Stärke des Systems, die auch gleichzeitig ihre größte Schwäche ist. Es erzeugt notwendigerweise Widersprüche, und sobald man einen Teil hinterfragt, ist das große Ganze bedroht. In Panahis halbdokumentarischem Film sind es junge Frauen, die sich als Männer getarnt ins WM-Qualifikationsspiel Iran-Bahrain zu schmuggeln versuchen und die Regel herausfordern. Der Filmemacher, der als Assistent Abbas Kiarostamis begann, ging mit seiner Arbeit ein Wagnis ein. Wäre Iran durch eine Niederlage an der WM-Qualifikation gescheitert, dann hätte er sein Projekt begraben können. So aber gewinnt seine mit Laienschauspielern besetzte und mit digitaler Handkamera am Ort der Begegnung gedrehte Geschichte an Authentizität. Quasi live kann sie in einem natürlich erscheinenden Zeitlauf auf den finalen Siegestrubel auf Teherans Straßen zustreben. Der für seine neorealistische Art bekannte Regisseur heftet sich zu Beginn an die Fersen eines Mädchens, das vor seinem ersten Versuch steht, ins Stadion zu gelangen. Sie wird scheitern und so ihre Leidensgenossinnen kennen lernen. Die ertappten Frauen sperrt man in ein provisorisches Gatter an der Stadionwand, das noch dazu in den iranischen Nationalfarben gehalten ist. Hier im Abseits, an diesem Nicht-Ort, weder richtig drin noch richtig draußen, lässt sich der Spielverlauf nur noch über die Geräusche von den Tribünen erahnen. Die Dialoge, in die die Frauen ihre Bewacher verwickeln, um doch noch ans Spielfeld zu gelangen, zeigen mit komödiantischer Leichtigkeit die Absurdität der Situation. Die Bewacher, allesamt junge, zum Militärdienst verpflichtete Provinzler, haben ihre Mühe, mit der Schlagfertigkeit der Städterinnen mitzuhalten. Einem alten Mann, auf der Suche nach seiner Tochter, ergeht es kaum anders. Mann-Frau, Alt-Jung, Stadt-Land, Panahi dekliniert Grenzen und Konflikte durch. Er zeigt die Unfreiheit derjenigen, die Gesetze und Tradition vertreten (müssen). Der nahe, aber unerreichbare Zuschauerraum wird zum Ort der Freiheit stilisiert, in dem der Fan fluchen darf und alle Einschränkungen für 90 Minuten aufgehoben sind. Im Laufe des Films entwickeln sich dann Momente der Solidarität. Ein entkommenes Mädchen kehrt zurück, weil es nicht will, dass der verantwortliche Soldat um seinen Heimaturlaub gebracht wird. Eben jener Soldat wird auf dem Weg zur Wache in einer slapstickhaften Aktion die Außenantenne des Busses fixieren, damit man den Radiokommentar hören kann. Wieder sind die Gefangenen von den Bildern abgeschnitten. Wieder befinden sie sich in einem provisorischen Gefängnis. Als der Schlusspfiff ertönt, gerät der Verkehr ins Stocken, der Bus wird von jubelnden Fans gestürmt und ein Teil der Insassen ins Freie gespült. Der Film endet im allgemeinen Tumult, den Panahi mit einem patriotischen Lied aus den Zeiten des Widerstands gegen die Westmächte vor 60 Jahren unterlegt. Darin zeigt sich die ganze Ambivalenz von Panahis Versuch, den Fußball zum humanitären Vehikel zu machen. In der Fankultur liegt das Potenzial zum kollektiven Überschreiten von Grenzen, zum Widerstand, gar Aufruhr. Nur ist unbestimmt, welches Ziel sie sich sucht und ob sie sich nicht für die alten nationalistischen Zwecke einspannen lässt. Der gewiefte Populist Mahmud Ahmadinedschad hat das erkannt und wollte den Zutritt von Frauen zu den Stadien freigeben. So könnte die kontrollierte Überschreitung integriert werden. Wie nach jedem Abseitspfiff ginge das ungerechte Spiel dann weiter seinen gewohnten Gang.
Ole Schnoor
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