 | | Das Fräulein, D/CH/BOS 2006. R+B: Andrea Stanka, K: Igor Martinovic, D: Mirjana Karanovic, Marija Skaricic, Ljubica Jovic, Pablo Aguilar, Oliver Zgorelec, Andrea Zogg Verleih: Real Film, Start: 25.1.2007 | | |
Kleine Blitze des Schmerzes Ließen sich aus Lärm Schneebälle formen und in die Stille werfen, dann wäre dies wohl die beste Beschreibung für das Verfahren, mit dem die Schweizerin Andrea Staka ihrem Film „Das Fräulein“ von Beginn an Wucht verleiht. Ein Song, eine Säge, ein Föhn oder infernalischer Straßenlärm zerreißen immer wieder die Lautlosigkeit der einsamen Alltagsrituale von Ruza, die in Zürich eine Betriebskantine leitet. Vor 25 Jahren aus Belgrad aufgebrochen, um sich im Westen „etwas aufzubauen“, ist die Disziplin, die sie ihren Haaren vor dem Weg zur Arbeit aufzwingt, der Mittvierzigerin längst von der schützenden Hülle zum Gefängnis geworden. In der verdorrten Landschaft von Ruzas Innenleben lässt sich nicht flanieren. Wer dorthin eine Brücke des Humors schlagen möchte, beispielsweise mit einer Bemerkung über einen kranken Metzger, weil auf der Speisekarte mal wieder nur Gemüse zu entdecken ist, erntet bloß ein patziges „Zuviel Fleisch ist sowieso ungesund.“ Kollegin Mila weiß immerhin, welchen Traum sie sich mit ihren in Jahrzehnten des Buckelns angesparten Franken erfüllen will: ein Haus an der kroatischen Adria – wenn es denn eines Tages fertig werden sollte. Mitten hinein in diese trostlose Ökonomie des ewigen Aufschubs platzt die Tramperin Ana, der vom Krieg in Bosnien und seinen Verlusten eine unersättliche Lebengier geblieben ist. Die schwerkranke 22-Jährige wird den beiden anderen Frauen zum Spiegel für ihre Versagungen – und nebenbei auch zum Resonanzboden für die beredte Sprachlosigkeit saturierter Westeuropäer im Umgang mit den Kriegstraumata, die das zerberstende Jugoslawien hinterlassen hat. Dieser etwas schematischen Anordnung ihres Personals entkommt Staka, deren Familie selbst aus Bosnien und Kroatien stammt, durch eine Dramaturgie der kargen Dialoge und kleinen Gesten sowie durch die blickgenaue Kamera von Igor Martinovic, der zuletzt mit Albert Maysles gearbeitet hat. Beim Drehbuch war Barbara Albert als Beraterin tätig, und in Locarno, wo „Das Fräulein“ im vorigen Jahr als Favorit gehandelt und schließlich auch mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet wurde, trat die österreichische Regisseurin denn auch von ihrem Jury-Posten zurück: ihr war Befangenheit vorgeworfen worden. Die stärkste Stütze aber hat Stakas Film, der eher Post-Jugoslawien- als Migrationsdrama ist, in seinen drei großartigen Schauspielerinnen. Ruza wird von der Serbin Mirjana Karanovic verkörpert, die schon in dem Berlinale-Gewinner „Grbavica – Esmas Geheimnis“aus einem verhärteten Körper so überraschende kleine Blitze des Schmerzes und der leisen Hoffnung senden konnte. Nicht weniger überzeugend sind der kroatische Jungstar Marija Skaricic als Ana und Ljubica Jovic, die 50 Jahre lang in Jugoslawien und später in Bosnien und Herzegowina vor allem als Bühnendarstellerin verehrt wurde, und die für die Rolle der Mila eigens ihren Ruhestand unterbrochen hat. „Das Fräulein“ mag daher weniger ein Beweis für das ohnehin etwas herbei geredete Schweizer Filmwunder sein, sondern vielmehr für einen den Osten einschließenden neuen Zweig des europäischen Kinos, der mehrheitlich von selbstbewussten Frauen getragen wird.
Christiane Müller-Lobeck
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