Aimee und Jaguar
Max Färberböck, Deutschland 1999

Aimee und Jaguar lieben sich, aber zur falschen Zeit am falschen Ort: Berlin, 1944: Jaguar alias Felice ist Lebefrau, Lesbe und Jüdin, Aimee alias Lilly ist Ehefrau eines Frontsoldaten und Mutterkreuzträgerin. Die biedere Nazihausfrau (gespielt von Juliane Köhler) verfällt dem erotischen Charme der lesbischen Femme Fatal (gespielt von Maria Schrader).

Ein Film über eine unmögliche Liebe, mehr an Romantik interessiert als an Politik, aber ein Film, der sich weder ins Private, noch ins Universelle verliert, sondern den konkreten historischen Hintergrund seiner Geschichte mit Sorgfalt ausmalt.

Bomben prasseln auf Berlin, die Bevölkerung darbt, der Krieg ist verloren und um so gnadenloser wird Jagd gemacht auf alle, die zur Jagd freigegeben sind. Regisseur Max Färberböck inszeniert die deutsche Apokalypse mit bekannten Mitteln: Kinder spielen in Trümmerbergen, Menschen mit ängstlichen Blicken huschen durch triste Straßen, Fliegeralarm und Detonationen. Als Gegenpol der zynische Tanz auf Gräbern in dekadenten Cafes.
Soweit erfüllt Färberböck die konventionellen Standards, die jeder Film über das Dritte Reich einzuhalten hat.

Die Qualität von "Aimee und Jaguar" sind die Figuren und ihr widersprüchlicher Umgang mit dem Kollaps der Außenwelt:
Die schillernde Felice verfaßt für eine Zeitung tagsüber hetzerische Durchhalteparolen, nachts schreibt sie glühende Gedichte an die Geliebte. Von der Gestapo verfolgt hat sie keine eigene Wohnung, aber falsche Pässe tauscht sie nur in den mondänsten Häusern der Stadt.
Lilly ist naiv und unerfüllt. Vier Kinder und immer nur Männer bringen ihr keine Befriedigung. Sie ist überzeugte Antisemitin, die Hitlerbüste auf dem Kamin, eine Mitläuferin fast bis ganz zum Schluß. Die Liebe zu einer Frau erschüttert ihre Welt, die Liebe zu einer Jüdin läßt sie zerbrechen.
Felices Freundinnen sind eine charmante Mädchenbande, durstig nach Vergnügen und gestählt im täglichen Überlebenskampf.

Färberböck respektiert alle seine Figuren, auch die Nachbarn, die erst Unterschlupf gewähren und dann weggucken, auch den dumpfen, spießigen Ehemann, der von der geliebten Familie weg zurück an die Front muß.
Aber Färberböck bedenkt den Unterschied zwischen Opfern und Tätern, zwischen denen, die ermordet wurden und denen, die nichts dagegen taten. Das genau unterscheidet Felice und Lilly: Felice kämpft, um zu überleben und sie riskiert ihr Leben, um zu lieben. Lilly riskiert ihre Existenz, aber nicht ihr Leben. Am Ende ist die eine tot und die andere unglücklich.

Ein Film, der von seinen Figuren lebt, ist abhängig von seinen Darstellern. Juliane Köhler ist OK, Maria Schrader mit ihrem Lachen erschafft und beherrscht den Film. Detlev Buck sollte das Fach vollends wechseln und Schauspieler bleiben, als Lillys Ehemann verhilft er dem Film zu der psychologischen Glaubwürdigkeit im Detail, die seine Stärke ausmacht.

Doch bleiben wir auf dem Teppich: Färberböcks Auffassung von Kino ist ungefähr: Alles wie Fernsehen, nur größer. Angriffe auf die Tränendrüse scheut er durchaus nicht und manchmal könnte er für meinen Geschmack gerne auf die vermeintlich gefühlsstimulierende Off-Musik verzichten.

"Aimee und Jaguar" endet mit Bildern von Maria Schrader alias Felice. Anhand des Schicksales der Einzelnen formuliert der Film ein Plädoyer für die Liebe und das Leben im Allgemeinen. Einerseits vermeidet Färberböck somit jede Betroffenheitsrhethorik, andererseits verkündet er die Botschaft, die von allen am liebsten gehört wird.
Die Frage, die dieses Dilemma überschattet und die offenbleibt, ist, ob eine Annäherung an den Holocaust im populären Kino gelingen kann. "Aimee und Jaguar" ist gute, auch intelligente und sensible Unterhaltung. Genau das.

Björn Vosgerau


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