American History X
Tony Kaye, USA 1998

Ein ehrgeiziges Unternehmen immerhin: Einen Film zu drehen über einen Neonazi, der entgegen der Stumpfversion eben keine hirnamputierte Baseballkeule ist, sondern sich intelligent zu artikulieren versteht und für seine Überzeugungen zu argumentieren sowohl in der Lage, als auch bereit ist. Solche Typen gibt es - warum aber einen Film über sie ins Kino bringen?

Nach der Sichtung von 'American History X' kann ich diese Frage nicht beantworten. Am Anfang mußte ich befürchten, in einer weiteren Zeigefingerpädagogik der Marke: "Bodenständiger High School Teacher rettet verwirrte Schäfchen" gelandet zu sein. In der Mitte irgendwann kam ich mir vor wie in einem schicken Ku-Klux-Clan Propagandaclip (in Schwarz-Weiß wohlgemerkt) und zuguterletzt rettet sich der Streifen auf die breitgetrampelten Pfade eines kathartischen Knastdramas, darin noch jedem Deliquenten zur Einsicht in Gut und Böse verholfen wurde. Ruhepausen gönnt sich und uns der Film bei entspannten Strand-und-Möwen-Meditationen, durch die, ohne Aufsehen zu erregen, der Herr Kaiser von der Hamburg-Mannheimer spazieren könnte.

Dieses stilistische Multikulti wird aufgefahren, um die wohlbekannte "Großer Bruder, kleiner Bruder"- Story einmal mehr aufzubrühen. Beide gehören zu einer Neonazitruppe, die ihre Revieransprüche in den amerikanischen Suburbs gegen schwarze Gangs zu behaupten sucht. Der jüngere - ein schmächtiger, etwas verhuschter Mustergymnasiast, dem man prompt die Ernst-Jünger-Gesamtausgabe auf dem Bücherbord zumutet, ist aus lauter Ekel vor dem Weltversagen seiner Erziehungsberechtigten in die unbedingte Bewunderung seines großen Bruders Derrek getreten. Der ist der Stramme Max seiner Clique, intellektuelles und fitneßtechnisches Oberhaupt und er ist es auch, der das Niveau der rassistischen Gewaltätigkeit bestimmt - mal vorantreibt, mal zügelt. Derrek hält ebenfalls den Kontakt zum Chefideologen im Hintergrund: einer Art Dr. 'DVU' Frey im Ted Turner-Format.

Werden Gebietsansprüche anfänglich noch via Basketballturnier zwischen den Gangs ausgespielt, eskaliert die Organisiertheit und Brutalität der Nazis später zunehmend. Die sogenannte 'Säuberungsaktion' in einem asiatischen Supermarkt folgt bereits einem großangelegten Plan und der dramatische wie auch filmtechnische Höhepunkt schließlich zelebriert im Detail und unangenehm pathetisch das Abschlachten dreier schwarzer Autoknacker, die Derrek nachts vor seiner Haustür erwischt und kaltblütig exekutiert.
An diesen und vielen anderen Stellen vergißt der Film sich selbst. Das Bordsteinbeißen ist mit derart ikonographischem Genuß in Szene gesetzt, als ob ein Videoclip für eine Skinheadband zu inszenieren sei. Wo der Film es sich stellenweise und durchaus achtenswert gerade nicht zu einfach machen wollte und einige Versuche unternimmt, den schleichenden Übergang von pubertärer Kraftmeierei in rassistische Ideologie zu illustrieren, da sucht er dann doch über weite Strecken die kitzelige Nähe zur Faszination und Brachialästhetik schierer Gewalt. Das bleibt die Grenze zwischen Darstellung und Propaganda nicht mehr ersichtlich.

Und daß diese Uneindeutigkeit gar hintersinnige Strategie gewesen sein könnte, um das Publikum in Reflektion über seine eigene Anfälligkeit zu zwingen, diese Ausrede wird von der Sühneepisode des Filmes aufs Gründlichste dementiert. Derrek wird im Knast einerseits von seinen weißen Stuben- und Gesinnungsgenossen vergewaltigt, findet andererseits Freundschaft und Schutz ausgerechnet bei seinem schwarzen Arbeitskollegen. Als er zusätzlich einen Hakenkreuztätowierten beim trauten Dealen mit der Latinogang beobachtet, bricht sein rassistisches Weltbild endgültig zusammen. Den Knast verläßt er als sendungsbewußter Gutmensch, das Haupthaar darf gerne drei Zentimeter lang sein.

Spätestens in dieser Wendung wird 'American History X' so dermaßen klebrig, daß man Brüllen möchte vor Ärger. Alles, was im ersten Teil des Films als zumindest gutgemeinter Ansatz zu einer populärfilmischen Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Neonazismus durchgehen könnte, enttarnt sich hier zum bloßen Lippenbekenntnis im Zugzwang des Kokettierens mit einem effektereichen Thema.

Sollte die Botschaft von 'American History X' lauten, daß jeder Nazi nur einmal anständig gefickt gehört, um wieder zu Verstand zu kommen, dann ist diese Nachricht - egal wie metaphorisch sie gemeint sein soll - ebenso vollendeter Schwachsinn wie die Überzeugung, ein Film könne sich uneingeschränkte Beliebigkeit hinsichtlich stilistischer Attitüden leisten, ohne dabei je eines glaubwürdigen Standpunktes verlustig zu gehen. 'American History X' hat alles falsch gemacht.

Urs Richter


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