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Artemisia Agnès Merlet, Italien / Frankreich /Deutschland 1997 Dieser Film basiert auf einer Idee, die mir interessant und vielversprechend erschien: Artemisia Gentileschi, die Hauptfigur, hat es wirklich gegeben. Sie lebte im 17. Jahrhundert in Italien, war die Tochter des zu seiner Zeit berühmten Malers Orazio Gentileschi und wurde, damals äußerst unüblich für eine Frau und mit großen Widerständen verbunden, selbst zur Malerin. Durch ihr bekanntestes Bild, "Judith enthauptet Holofernes", wurde Regisseurin Agnes Merlèt auf diese Frau und ihr ungewöhnliches Schicksal aufmerksam, denn außer dem durch seine grausame Sinnlichkeit faszinierenden Gemälde fanden sich noch einige vage Aufzeichnungen über einen Vergewaltigungsprozess, in den Artemisia verwickelt war. Der Angeklagte hieß Agostino Tassi, selbst ein berühmter Maler und im Gegensatz zu dem alten Gentileschi ein Pionier der damaligen Malerei. Um dieses dürre Gerüst historisch belegbarer Fakten hat die Merlèt ihre Geschichte einer tragischen, weil konventionssprengenden Liebe geflochten. In Merlèts Film geht die junge Artemisia bei dem wesentlich älteren Tassi in die Lehre, ihre einzige Möglichkeit eine Ausbildung zur Malerin zu genießen, da sie als Frau trotz ihres anerkannten Talentes an der Kunstakademie abgelehnt wird. Tassi ist einer der ersten, der das Atelier verläßt, um in der freien Natur zu malen. Das macht ihn zu einem künstlerischen Revolutionär. Außerdem ist er ein Bonvivant, auch ganz im Gegensatz zu Artemisias strengem Vater, nichtsdestotrotz arbeiten sie beide zusammen an einem Auftrag. Tassi steht Artemisia nackt Modell, ein Sakrileg zu jener Zeit, und die beiden beginnen eine leidenschaftliche romantische Affäre. Als Artemisias Vater dahinterkommt, verklagt er Tassi wegen der angeblichen Vergewaltigung seiner Tochter, um ihren und seinen eigenen Ruf zu retten. Natürlich leugnet Tassi, und Artemisia schweigt, sich dem Zwang zur Offenlegung ihres Privatlebens verweigernd, jedoch besteht sie darauf, keinen Sex mit Tassi gehabt zu haben. Während des Prozesses wird sie gefoltert, um ihren Geliebten zu verraten und schließlich einer peinigenden Untersuchung zur Feststellung ihrer Jungfräulichkeit unterzogen. Daraufhin muß Tassi ins Gefängnis und Artemisia verläßt ihre Heimat zwar in Schimpf und Schande, aber als emanzipierte Frau und Künstlerin, ungebrochen durch die ihr angetane Gewalt. Die Zutaten für ein großes romantisches Drama stimmen also: Liebe, Leidenschaft, Sex, Gewalt, Konkurrenz unter Männern, der Kampf um Selbstbestimmung einer starken Frau und als besondere Würze Kunst als Vehikel zur Emanzipation. Das erinnert alles stark an Jane Campions "Das Piano" und wirklich fesselte mich "Artemisia" eine ganze Zeit lang ähnlich wie dieses romantische und leidenschaftliche Meisterwerk. Vor allem auch, weil die Merlet konsequent den Eindruck eines betulichen Historiendramas durch eine eigenständige Bildsprache zu vermeiden versucht, welche vielmehr das aufgewühlte Innere der Heldin vermitteln helfen soll. So zum Beispiel die atemlos huschende Kamera, die auf engstem Raum, selbst unter der Bettdecke noch, die rastlos malende Artemisia umsegelnd verfolgt. Aber der Film nutzt sein Potential nicht wirklich bis zum Schluß, trotz der guten Schauspieler verliert er seine Spannung und rutscht auf Das-kleine-Fernsehspiel-Niveau herab. Die aufgeworfenen Fragen nach Realität und Darstellbarkeit in der Kunst bleiben nichts als die stimmungsvolle Kulisse, vor dem sich das fade, weil zu oft erzählte Selbstbefreiungsdrama der Pubertät entspinnt. Dafür steht auch der Schluß des Filmes: Die Merlèt entscheidet sich für ein rundes und ungebrochenes Ende mit einer durch und durch geläuterten, märtyrerhaften Heldin, die alle Kämpfe siegreich bestanden hat. Auf mich wirkte das in seiner einfachen pädagogischen Moral geradezu resignativ im Vergleich zum Beispiel zu dem falschen und dadurch offenen Happy End von "Das Piano". So ist "Artemisia" ein Film, der seine Chancen vergibt. Björn Vosgerau
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