Die Braut
Egon Günther, D 1999

Veronica Ferres ist die Braut, und vorn der ersten Szene an ist somit klar, daß diese Braut ins Auge gehen wird. Als Christiane Vulpius läuft sie im Weimarer Park dem Geheimen Rat über den Weg. Sie kommen ins Gespräch, denn die aus armer Familie stammende Christiane soll bei Goethe für ihren Bruder um Arbeit bitten. Der lüsterne Dichter-Minister hat angesichts des jungen Mädchens gleich Blut gerochen. Man treibt Schabernack, Verfolgung über Stock und Stein. Keuchend bleibt die Ferres stehen, gerötete Backen, verrutschtes Mieder, verstörter Blick in die Kamera. Göthe: "Ich kann Dich riechen!"

- - - Wir können das nicht. Weder die Ferres als Powerfrau aus der Unterschicht, die als verfemte Gespielin ihren Weg durch die Weimarer Gesellschaft trotz vieler Entbehrungen macht - und gleich gar nicht können wir die wohlfeile Verwurstung dieses Stoffes im sogenannten Goethe-Jahr riechen. Natürlich ist es ein untadeliges Unternehmen, die langjährige Geliebte und schlußendliche Gattin des Nationaldichters aus dessen Schatten zu ziehen und vor allem das ignorante Männer-Urteil der Literarhistorie zu revidieren, die sich über sie eher lustig gemacht hat. So übrigens auch noch der ansonsten kluge, aber leider misogyne Karl Kraus, von dem das dumme, vulgäre, verdummende Vulpius-Wortspiel mit dem weiblichen Geschlechtsorgan überliefert ist.

- Abgesehen aber davon, daß der kulturhistorisch Interessierte sich vor Missionen zur Rettung vergessener Frauengestalten heutzutage kaum noch retten kann, ist es, wie schon angesprochen, von vorneherein die Frage, ob die Vulpius mit solcher Besetzung vor dem fälschlichen Ruch in Schutz genommen werden kann. Das Weib Veronica dominiert den Film, die anderen Figuren bleiben Skizze, rätselhaft eindimensional vor allem die Darstellung des Goethe (Herbert Knaup). Und Ex-Defa-Regisseur Egon Günther schafft es nicht, sein zerklüftetes Buch einigermaßen ansehnlich filmisch zusammenzuflicken. Auf die ausfürliche Schilderung der ersten Jahre der Beziehung folgen mehrere Zeitsprünge, die zwar jeweils an biographischen Eckdaten orientiert sind, aber erzählerisch überhaupt nicht vermittelt.

Dürrer roter Faden ist neben der über Jahrzehnte fortgesetzten Intriganz der Charlotte von Stein lediglich das maskenbildnerische Altern von Christiane. Über die phantasielose, oberflächliche und nichts weniger als mutige Interpretation ihrer Perspektive können auch ein paar touristisch reizvolle Original-Weimar-Einstellungen nicht hinwegtrösten. Cross-Promotion im Goethe-Jahr. Egon Günther hat bis zur Wende Dutzende von erfolgreichen Kino- und TV-Filmen in der DDR gedreht, darunter schon etliche Goethe-Verfilmungen. Diesmal jedenfalls hat er die bildungsbürgerliche Erbaulichkeitslatte gerissen.

Jakob Hesler



startseite drucken newsletter bestellen