EuropaEuropa, DK/S 1991. R: Lars von Trier, B: Lars von Trier, Niels Vorsel, D: Jean-Marc Barr, Barbara Sukowa, Udo Kier, Ernst-Hugo Järegard, Erik Mork, Jorgen Reenberg, Eddie Constantine, Max von Sydow, Dietrich Kuhlbrodt

Die Rückkehr des Verschollenen

""Bleiben Sie nur", sagte der Mann und stieß ihn mit einer Hand gegen die Brust, geradezu rauh, ins Bett zurück. "Warum denn?" fragte Karl ärgerlich. "Weil es keinen Sinn hat", sagte der Mann..." (Franz Kafka, "Amerika")

Dass Kafkas Geschichten eigentlich Schwarzweißfilme sind, fällt jedem Schulkind auf, das sich irgendwann mit einer seiner Parabeln konfrontiert sieht. Lars von Triers Film "Europa" beginnt in reinem Kafka-Schwarzweiß. Und wie sich der "Verschollene" Karl Roßmann in den merkwürdigen Ordnungssystemen von Kafkas "Amerika" verirrt, so ergeht es Leopold Kessler in Lars von Triers makabrem "Europa" kaum anders. Symphatischer Größenwahn mag den Regisseur von "Element of Crime", und "Epidemic" 1989 zum Abschluss seiner "Trilogie der Einsamkeit" dazu inspiriert haben, munter den Stapfen des tuberkulös-literarischen Genies der modernen Verzweiflung zu folgen, der mit dem Romanfragment "Amerika" ebenfalls einen Werksabschnitt vollzog.

Lars von Trier scheint die Substanz der Moderne 86 Jahre nach "Amerika" da zu vermuten, wo wir Europäer sind. Besonders symptomatisch für moderne Strukturen ist für von Trier aber das Deutschland nach dem 2. Weltkrieg. "Zentropa" heißt die deutsche Bahngesellschaft in diesem Film, die vor und im 2. Weltkrieg Passagieren, Waffen, Vieh beförderte und Sondertransporte erledigte, die von Juden etwa. "Zentropa", nun auf Schlafwagen verlegt, ist hier das Herz, die Zentrale Deutschlands, und Deutschland die Zentrale Europas.

"Aus New York mit dem Schiff" ist Leopold angereist; er hat den umgekehrten Weg des "Verschollenen" hinter sich, um ein Zeichen zu setzen. Er will den Deutschen im Herbst 1945 " in ihrer Not helfen und zur Völkerverständigung beitragen". Zu diesem Zweck möchte er Schlafwagenschaffner bei "Zentropa" werden. In Frankfurt/Main, Deutschland, Europa, herrscht andauernde Nacht. Die Deutschen leben in einem Zustand zwischen Trance und Geschäftigkeit. Was sie wach hält ist das Befolgen und Einhalten akribisch-absurder Regeln. Heilig im Deutschland der Ruinen ist die Wiederherstellung des Betriebs, der Eisenbahn, die Wiederaufnahme blinder Betriebsamkeit, Gehorsamkeit: Das wichtigste ist, dass die Räder (wieder) rollen: Hunderte ausgemergelter Menschen, Sklaven der Maschine, schleppen eine Lokomotive aus einer Halle. Eine Schlüsselszene und Metapher für die Moderne, angelehnt an Langs "Metropolis" und Chaplins "Moderne Zeiten". "Amerika" trifft auf "Europa". Karl kehrt zurück als Leo. Auch das Kino nahm seinen Anfang in Europa, führte in die USA und kehrte mit der Siegermacht zurück - und "Europa" ist auch ein Film über das Kino.

Sogar die früheren Rollen der Schauspieler könnten in Beziehung zu ihren Figuren in diesem filmischen Planspiel stehen: Der amerikanische, junge Idealist Leopold Kessler (deutscher Abstammung) - "Immer tiefer tauchst du ein in Europa" - gespielt von Jean-Marc Barr, vor allem bekannt aus Bessons Extremtaucherfilm "Im Rausch der Tiefe". Auch hier wird er noch tauchen können müssen...

Der amerikanische Besatzungsoffizier Colonel Harris: Eddie Constantine, als FBI-Agent Lemmy Caution Kultfigur des trivialen frz./ital. Agentenfilms der fünfziger und sechziger Jahre, Klischee des flotten, schlagfertigen US-Detektivs ("Nick Carter schlägt alles zusammen"). Schon 1965 wurde er von Godard in "Alphaville" ("Lemmy Caution gegen Alpha 60") als sein eigenes Zitat verwendet, später mehrere Produktionen in Deutschland, unter anderem mit Fassbinder.

Ebenso ein Fassbinderschauspieler: Udo Kier, schwules enfant terrible des Andy Warhol-/Paul Morisseyfilms ("Blut für Dracula"), des deutschen Autorenfilms, des Schlingensieffilms, des Von-Trierfilms, zuletzt düsterer "Supporting Actor" in Hollywood-B-Movies (und später in Triers "Geister" die zentrale, bizarre Vater-Figur). In "Europa" als Larry Hartmann, der schwule, müde-intellektuelle Bruder der im deutschnationalen Widerstand "Werwölfe" engagierten Katharina Hartmann.

Die wird gespielt von Barbara Sukowa, der bezwingenden "Lola" (in Fassbinders Nachkriegs-Neuauflage von "Der blaue Engel") wie auch von Trottas RAF-Terroristin in "Die bleierne Zeit". Sie war also schon vor "Europa" cineastisch im deutschen Untergrund tätig. Wenn auch auf der anderen Seite.

Als Leos Onkel Ernst Hugo Järegård, vor seinem Tod noch zu verdienter Berühmtheit gelangt als misanthropischer Dr. Helmer in von Triers "Geister"("Kingdom"). Auch in "Europa" schon ein Mann ohne positive Eigenschaften, ein "pathologischer Tyrann" wie der Onkel des "Verschollenen" Karl, und deutscher als deutsch.

In einer Nebenrolle Regisseur Lars von Trier als halbe Portion, als Jude, dem die Haare nach dem KZ kaum wieder auf Streichholzlänge wachsen konnten. Wie alle drei in diesem Film identifizierbaren Juden ein armes Schwein, kein Befreiter. Schon wieder, oder immer noch ein Unterdrückter.

Schließlich Dietrich Kuhlbrodt, Filmkritiker seit 1957, im wirklichen Nachkriegsdeutschland als Oberstaatsanwalt Verfolger von Naziverbrechern. Theater- und Schlingensiefschauspieler, in "Europa" Zuginspektor, der Leopold Kessler mit überzeugender amtlicher Autorität in dessen Aufgaben und die Welt von Zentropa einweist.

Überraschend ist, dass und wie genau von Trier als Däne die Deutschen kennt, beschreibt, und ihren Lebensstil gar zum Paradigma des europäischen stilisiert. Das ist gewagt und vermessen - und deshalb lustig, weil der Film vor Zitaten strotzt und als Patchwork der Genres Nachkriegsfilm, Melodram, Thriller und mit seinen demonstrativen Anleihen beim Expressionismus, bei Eisenstein, beim Comic sich und seine Ernsthaftigkeit unablässig selbst anzweifelt. Von mancher Seite wurde das Unausgeglichene, Überbordende, Verspielte an "Europa" kritisiert, doch gerade diese Methoden sind für von Triers Filme typisch, sie führen bewusst neben jede politisch korrekte Spur, hinter oder vor jede Eindeutigkeit. "Europa", zum großen Teil in ranzigem Schwarzweiß gedreht, bedient sich der Farbe, wenn es schön gefühlig oder schön blutig wird, bedient sich der Verfremdung durch überdimensionale Hintergrundprojektionen und bedient sich des plakativen Schockeffekts, als in "Waggons, von deren Existenz du keine Ahnung hattest" (die landläufige Antwort der Deutschen 1945 auf die Frage nach Konzentrations- und Vernichtungslagern) bis auf die Knochen ausgehungerte Sträflinge auftauchen.

In von Triers "Europa" wird Deutschland mit seinen gleichgeschalteten Vollstreckern und Sklaven, mit seinen Vernichtungsmaschinen und dem Holocaust als deren aufwändigster Leistung zur denkbar finstersten Verdichtung und Vollendung der modernen Welt. Zu einer Weiterentwicklung des kafkaschen Hauptthemas aus der Post-Kafka- und post-modernen Perspektive heraus. Nicht einmal nach dem Holocaust und nach der ungeheuerlichsten Katastrophe ist in diesem Deutschland irgend jemand lernfähig, und selbst Leopold kann sich den normativen Zwängen von Zentropa-Europa nicht entziehen. Jede seiner Handlungen wird als parteiische interpretiert und ausgenutzt. Er wird "schuldlos schuldig", er hat keine Wahl - wie sein Vorgänger Karl in "Amerika". Alles ist Determination, und der allwissende, raunende Hypnotiseur und Erzähler im Off ist gleichzeitig "Determinator", ein böser Gott. Nur ein Weg führt aus diesem dunklen Europa heraus, der durch den Tod. Aus dem Schlafwagenschaffner wird ein "Schläfer": "Am Morgen hat der Schläfer endlich Ruhe gefunden - am Grunde des Meeres...". Für die Schlusssequenz musste Barr lange die Luft anhalten.

Andreas Thomas



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