Frau ohne Gewissen (Double Indemnity)Frau ohne Gewissen (Double Indemnity), (Double Indemnity), USA 1943. R: Billy Wilder, B: Billy Wilder und Raymond Chandler nach dem gleichnamigen Roman von James M. Cain, K: John F. Seitz, D: Barbara Stanwyck, Fred MacMurray, Edward G. Robinson, Tom Powers

Eine Art Held

Billy Wilders "Double Indemnity" gilt als nahezu perfekter Film. Da wird ihm auch die Szene nachgesehen, in der eine Wohnungstür nach Außen aufgeht, nur damit sich die "Frau ohne Gewissen" dahinter verstecken kann. Vielleicht ist es aber auch gerade die Beinahe-Perfektion, die diesen Film so gelungen macht. Kameramann John Seitz soll, nachdem eine Szene makellos ausgeleuchtet war, noch einmal mit dem Fuß gegen die Lampen getreten haben, damit das Licht nicht zu sehr nach Kino aussah.

Der Film von 1944 gehört zu den ersten der Schwarzen Serie. Er ist erzählt als Beichte des Versicherungsvertreters Walter Neff (Fred MacMurray), der sich in die attraktive Phyllis Dietrichson (Barbara Stanwyck), die Frau eines seiner Klienten, verliebt. Sie überredet ihn, eine Unfallversicherung für ihren Mann abzuschließen und diesen dann gemeinsam umzubringen. Die Aufklärung des Falls obliegt ausgerechnet Neffs bestem Freund und Kollegen Barton Keyes (Edward G. Robinson) aus der Abteilung Versicherungsbetrug. So wird ihm der Freund zum Feind.

Aber das große Mißtrauen hält nicht nur hier Einzug. Nach und nach muß Neff feststellen, daß die Frau, die er liebt, Abgründe hat, von denen er nichts geahnt hat. So abgegriffen das klingt, man kann zusehen, wie sich die Schlinge um Neffs Hals langsam zuzieht, wenn ihn eine Neuigkeit nach der anderen erreicht und immer deutlicher wird, daß auch er nur ein Werkzeug im perfiden Plan der Platinblonden ist. Allerdings ist auch der Versicherungsvertreter keiner von den Guten. Zunächst nur ein schmieriger, geiler Macho, findet er durch seine Tat aber zu einem Ansatz von Selbsterkenntnis.

Hitchcock hat den Film geliebt. Kein Wunder, ist die Geschichte doch kein simples Whodunit, es wird kein Mörder gesucht, und es steht noch nicht mal ein cooler, abgehalfterter Detektiv im Mittelpunkt. Es geht um einen grauen Durchschnittstypen, der auf einmal alles, wovon er je zu träumen wagte - eine attraktive, blonde Frau und eine größere Summe Geld - zum Greifen nahe sieht und wieder einmal nur als Opfer endet. Die Hauptfiguren des Films sind so unmoralisch und darüber hinaus noch unsympathisch, wie man es bis dahin in Hollywood kaum gesehen hatte - schon gar nicht unter der Maske einer verheirateten, amerikanischen Frau. Dennoch muß man mit den beiden bangen, entwickelt Sympathien für sie. Das ist auch ein anschauliches Beispiel für die Macht des Kinos.

Stilgerecht endet der Film damit, daß Neff, angeschossen auf dem Boden liegend und jetzt doch eine Art Held, von Keyes, dem einzigen Freund, den er gewissermaßen verraten hat, Feuer für die letzte der ungezählten Zigaretten dieses Films bekommt. Das ist ein unschlagbarer Schluß. Wilder hatte bereits eine aufwendige Hinrichtungsszene in einer eigens nachgebauten Gaskammer gefilmt, dann aber eingesehen, daß über das Ende mit der Zigarette nichts mehr hinausgeht.

Eine andere berühmt gewordene Szene wurde indirekt ausgerechnet durch die Zensur erfunden. Neff hat sich auf der Rückbank des Autos versteckt, als seine Komplizin ihren Mann zum Bahnhof fährt. In einer dunklen Seitenstraße soll er den Ehemann von hinten erwürgen. Einen detaillierten Mord hätten die Zensurbehörden Wilder nicht durchgehen lassen (eine Hinrichtung in der Gaskammer offensichtlich schon), und so ist nichts zu sehen außer dem Gesicht von Barbara Stanwyck, das versteinert geradeaus starrt und einmal kurz zusammenzuckt.

Nun, Herr Wilder, einen Anflug von Gewissen hat diese Frau wohl doch, obwohl Sie den deutschen Verleihtitel idiotisch fanden: "Das würde ja auf etwa 1,6 Milliarden Frauen zutreffen." Wieder mal ein Film, den man sich in der Originalfassung ansehen sollte: die lakonischen Dialoge von Raymond Chandler, der das Drehbuch geschrieben hat, sind kaum zu übersetzen.

Dirk Schneider


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