 | | Hukkle, Ungarn 2002, 75 Min. R+B: György Pálfi, P: Csaba Bereczki, András Böhm, K: Gergely Poharnók, M: Balázs Barna, Samu Gryllus, D: Ferenc Bandi, Jószefné Rácz, József Farkas, Ferenc Nagy, Ferencné Virág, Jánosné Nagy u.a. Verleih: Arsenal Filmverleih, Bundesstart: 22.4.2003 | | | György Pálfi hat etwas gegen die Dominanz der Sprache im Kino. Sie macht für ihn alles zu einem stereotypen Blabla, wie er in einem Interview sagt. Deshalb hat er in seinem Debütfilm "Hukkle" ganz darauf verzichtet. Er erzählt seine Mordgeschichte aus einem ungarischen Dorf als formales Experiment ganz ohne Dialoge. In kontemplativen Aufnahmen zeigt er Details aus dem Natur- und Dorfleben, beobachtet Pflanzen beim Wachsen, Tiere beim Kopulieren, Menschen beim Arbeiten in der Textilfabrik. Erst allmählich setzt sich aus diesen Bildern ein Plot zusammen: Mithilfe einer giftmischenden Alten bringt die weibliche Dorfhälfte nach und nach fast die gesamte männliche unter die Erde. Pálfis Sprachkritik erinnert an die Klage von Gloria Swanson als ausrangierter Stummfilmstar in Billy Wilders "Sunset Boulevard": Der Tonfilm versinke in einem oberflächlichen Geplapper, wodurch das expressive Potential der Stummfilme verloren gehe. Im Gegensatz zu letzteren ist "Hukkle" allerdings alles andere als stumm. Pálfi schiebt die Geräusche dessen, was wir sehen, in den Vordergrund. Dazu gehört das Rascheln einer Schlange im Gras, das Rattern eines Schwungrads, manchmal auch die menschliche Rede. Eine Familie trifft sich zum Essen, und wir verstehen das Gespräch nicht nur deswegen nicht, weil wir kein Ungarisch können. Sein Inhalt spielt für die Handlung keine Rolle. Der Verzicht auf Dialogphrasen zielt auf eine neue sinnliche Unmittelbarkeit, auf ein unvoreingenommenes Sehen und Hören, auf eine dem Gestus nach fast schon dokumentarische Aufmerksamkeit auf die äußere Welt. Ein heillos naives Unterfangen. Denn Pálfi übersieht, dass sich die Stereotypen, die er durch die Wortlosigkeit vermieden glaubt, in Bild und Ton wieder einschleichen. Man braucht hier vielleicht nicht einmal den vielgescholtenen, weil metaphorischen Begriff der Filmsprache bemühen, um daran zu erinnern, dass im Film alles vermittelt ist und rein gar nichts unmittelbar. So übrigens auch im Dokumentarfilm. Selbstverständlich haben Bild und Ton Zeichencharakter, müssen vom Zuschauer verstanden und gedeutet werden, und selbstverständlich können diese Zeichen genauso klischeehaft sein wie sprachliche. In "Hukkle" sind sie das jedenfalls leider allzu oft. Das beginnt mit dem visuellen Leitmotiv: einem alten Mann, der auf einer Bank vor seinem hutzligen Häuschen sitzt, ein ständig wiederkehrendes Bild. Er hat Schluckauf. Sein Hicksen wird bald auch anderen Szenen unterlegt (in ungarischer Lautmalerei heißt der Film deshalb "Hukkle"). Sein Gesicht strahlt die sprichwörtliche Zufriedenheit des Alters aus, obwohl es zahnlos ist. Und auch der Schluckauf steht für das versöhnelnde Sicharrangieren mit den Umständen, die doch, alles in allem, so schlimm gar nicht sind. Dass sie es doch sind, dass unter der idyllischen Oberfläche menschliche Abgründe und Tragödien lauern, weiß Pálfi natürlich, und er sagt es uns auch. Das ist ja die offenkundige Tendenz des Mordplots. Doch leider ist diese Weisheit selber genauso abgegriffen wie die hübschen Bilder, die sie kontrapunktieren soll. So auch der Klang. "Hukkle" erreicht mit der ausdrücklichen Betonung der Geräusche kaum die erhellende Komik, die das beispielsweise bei Jacques Tati hat. Stattdessen: Gleichmacherei. Ehrgeizige Querschnittschwenks durch Wald und Erdreich - Pálfi kommt frisch von der Filmhochschule - werden von einem ominös bratzelnden tiefen Rauschen begleitet. Exakt von jenem kosmischen Sound also, mit dem Hollywood in seinen Science fiction-Filmen gern den Weltraum akustisch ausstaffiert; darin mehr Fiction als Science, denn wo es keinen Schall gibt, kann man natürlich auch nichts hören. Auch sonst hat Pálfi viel von den USA gelernt. Zu viel. Völlig unverständlich beispielsweise, warum er sich seinen opulenten Bilderbogen immer wieder mit läppischen Computeranimationen verdirbt. Man mag dem Film zugestehen, dass er das Landleben nicht nur auf die reine Idylle verkürzt und auch die Fabrikarbeit zeigt, dass er den eingefädelten Plot zum Schluss nicht hauruck auflöst, sondern in der Schwebe lässt, dass ihm vor allem immer wieder interessante Einzelstudien von unterschiedlichsten Gegenständen gelingen. Aber dennoch landet er mit seinem cineastischen Übereifer, seiner unreflektierten Sprachfeindlichkeit und mit seinem Wirklichkeitspathos da, wo auch Gloria Swanson in "Sunset Boulevard" endet: in halsstarriger Verkennung der Wirklichkeit, in der Falle des Klischees. Jakob Hesler A propos "Hukkle": Klischee, Klischee, Klischee - zu dieser auch bei filmtext.com gern benützten kritischen Allzweckwaffe findet sich ein langer Essay in unserem Archiv. In einem Bericht über das letztjährige ungarische Filmestival, bei dem auch "Hukkle" lief, informiert die NZZ über Gegenwartstendenzen im ungarischen Kino .
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