Die Invasion der BarbarenDie Invasion der Barbaren (Les Invasions Barbares), Kan./Fr. 2003. R.und B: Denys Arcand, K: Guy Dufaux, Schn: Isabelle Dedieu, M: Pierre Aviat, Pr: Denise Robert, Daniel Louis, D: Remy Girard, Stéphane Rousseau, Marie-Josee Croze, Marina Hands, Dorothée Berryman, Johanne Marie Temblay, Pierre Curzi, Yves Jacques, Louise Portal, Dominique Michel
Prokino, 27. November 2003

Trüffelschweine

Unterschiedlicher könnte das Sterben eines Menschen nicht inszeniert sein als in zwei Erstaufführungen dieses Novembers. In Patrice Chéreaus "Sein Bruder" verläuft es widerstrebend und schmerzhaft, "Invasion der Barbaren" von Denys Arcand zeigt es als entspannte, zeitweilig gar heitere Angelegenheit. Chéreau rückt seinen Darstellern mit Hilfe der Digitalkamera peinlich nah auf den Leib, Arcand lässt ihnen allen Raum zur Entfaltung ihrer Schauspielkunst. Bei Chéreau wird viel geschwiegen, Arcands Helden plappern in einem fort. Dort ist der Freitod sinnloser Protest, hier wohldosierter Abschluss.

Rémy nämlich, so heißt Arcands Sterbender, lässt sich im Kreise seiner Lieben und Geliebten den goldenen Schuss setzen - Höhepunkt einer Kette von Annehmlichkeiten, die sein verloren geglaubter Sohn zu arrangieren weiß mit viel Geld. Sébastien ist reich geworden als Spekulant und auf Bitte der Mutter, Rémys Exfrau, zurückgekehrt von der Londoner Börse an Papas Krankenbett in Quebec. Arcand, und das macht seinen Film zur Komödie, durchkreuzt dabei die tragische Geschichte von Tod, verspäteter Vater-Kind-Versöhnung und unerfüllter Liebe mit einem sarkastischen Clash of Cultures zwischen New Economy und dem, was bei uns Alt-68 hieße.

Sébastien trommelt Rémys ehemalige Clique zusammen, Adieu zu sagen. Gleichgültig ergraute Halbintellektuelle, wagemutig colorierte Gespielinnen, Freunde, die sich jahrelang nicht gesehen haben, erheben den Bordeauxkelch über Trüffelpasta und stimmen harmlosen Spott an auf alle hitzigen Ismen und Gefechte ihrer Jugend. (Es gibt einen IKEA-Spot, der ähnlich funktioniert.) Der Tonfall ist melancholisch und selbstgerecht. Arcand gibt uns sehr vergnüglich zu hören, wie linker Snobismus sich in bildungsbürgerlicher Behaglichkeit bauchpinselt. Das "kulturelle Kapital", auf das sich die ideologische Avantgarde was einbildete, entpuppt sich als Blankoscheck, beliebig eintauschbar. Höflich genug lässt Arcand seine Helden diese Einsicht selbst ausbuchstabieren.

Genussvoll selbstironisch bilanziert der Regisseur hier wohl auch einen gut Teil eigenerLebensentwürfe. Dementsprechend eitel verläuft deren Demontage. Die Dialoge sind so gescheit und fein justiert, dass sie auch auf einer Bühne nicht verloren gingen. Die Kamera unterstützt den theatralen Gestus, indem sie den Akteuren Satz für Satz an den Lippen hängt, auf dass bloß nichts danebengehe. Fast alle Szenen spielen innen. Die Welt da draußen bescheidet sich mit Kurzauftritten: Im TV kracht ein Flugzeug in ein Hochhaus, über einen Laptop rauschen Zahlenkolonnen der Global Players, kanadisches Krankenhauspersonal rekrutiert sich aus Ungarn, das ist fern. Arcand bewältigt seinen emotionsgeladenen Stoff nach dem Schema einer Daily Soap. Einer Daily Soap in Hochform, zugegeben. Rémy, der ebenso gern ein echter homme des lettres gewesen wäre, wie er ein homme à femmes war, vollzieht den Tod wie das Leben: als Ritual vor der Kulisse der Stammbelegschaft.

Die eigentlich tragische Gestalt, deren Schicksal für Momente ins Ungewisse gehalten wird, ist Sébastian. Von Rémy spöttisch "Prinz der Barbaren" tituliert, erfährt er, dass Geld alle bestechen kann außer den Tod. Und die Liebe. In schnellen Deals mit heißem Stoff geübt, besorgt er dem Vater die reinste Betäubung, die der Markt hergibt - und verliebt sich in die heroinabhängige Kontaktfrau. Der eine Kuss des ganzen Films bleibt diesen beiden vorbehalten. Innerhalb Arcands geistreicher Rückbesinnung tatsächlich ein zukunftssüchtiger Moment.

Urs Richter


A propos Theatralik:

Dem Rezensenten des indiewire hat sie den Film verdorben:
"The Barbarian Invasions," the new offering by veteran French Canadian filmmaker Denys Arcand (..), is a curiously schizophrenic work. On one hand, (..) it's hugely ambitious in its take on the lamentable situation and corrupt mores (as Arcand bitterly sees it) of our contemporary world. On the other hand, its analysis of this state of affairs is all too often annoyingly rhetorical and, finally, altogether too facile. Unhappily, it's also intensely theatrical, in the negative sense of anti-cinematic. Dialogue rules here, and people with well-defined character traits say archly clever things, and they say them non-stop.


startseite drucken newsletter bestellen