Kanak Attack
Lars Becker, D 2000

Auf polynesisch heißt Kanake "Mensch", auf deutsch "Untermensch", auf kanakisch - läßt sich das nicht mehr so einfach sagen. Und dann wird aus Sprachsubversion noch Markenbildung. Wenn Lars Beckers neuer Film nicht unter dem Titel der Romanvorlage firmiert ("Abschaum" von Feridun Zaimoglu), sondern unter dem Label Kanak, dann hat dieser Begriff schon eine Reihe von Übertragungen und Verschiebungen hinter sich. Das ist verwirrend, steht er doch - "kanakisch" - selbst für eine Praxis der Verschiebung. Deren Strategie ist bekannt: eine Politik des Begriffs. Die Ausgegrenzten drehen den Spieß um, nehmen den Ausgrenzern das Wort aus dem Mund und eignen es sich an, indem sie sich selber niggers, Krüppel, Kanaken nennen. Was diskriminieren sollte, integriert.

Doch auch ein umgestülptes Stigma blutet: soziale Verhältnisse sind so noch nicht verändert, aber im Visier, denn das Manöver hält am Unterschied fest und somit an der Notwendigkeit des Widerstands. Prekär ist allerdings die inhaltliche Offenheit solcher Anti-Begriffe. Was ist ein Kanakster? Was der Rassist dazu erklärt hat? Oder, genauso unselbständig, das Gegenteil davon? Queer theory findet, die differentielle Bewegung als solche begegne schon dem drohenden vereinseitigenden Essentialismus. Zaimoglu hat ihn in seinem ersten Buch "Kanak Sprak" ('95) verhindert durch die Heterogenität der wiedergegebenen Statements übers Kanak-Leben in Deutschland.

Was als authentischer Bericht daherkommt, ist zudem sichtlich stilisiert, in einem Kunstjargon gehalten, der oft mit dem aus Burgess' "Clockwork Orange" verglichen wurde. Die Sprache in "Abschaum" ist dagegen wesentlich weniger poetisch, monotone Reihung und türkische Einsprengsel täuschen Protokollcharakter vor, obwohl natürlich auch hier jemand arrangiert, "behutsam eingerichtet" hat (Zaimoglu). Jedenfalls bietet das einheitliche Erzählsubjekt namens Ertan Ongun idealen Filmrohstoff. Wenn sich nun die Verfilmung explizit als Kanak Attack bezeichnet, bringt das die fortschreitende Simplifizierung des Ansatzes auf den Punkt. Problematisch, daß ein Identifikationsmuster angeboten wird; problematisch aber auch, was dieses beinhaltet.

Lars Becker macht aus Ertan einen Proto-Kanakster, den Luk Piyes mit adäquat arrogantem Silberblick spielt: Typ liebenswerter Brutalo Mitte 20, ein Drogenhändler, Beinahezuhälter. Er ist paranoid und gefühlskalt. Aber eben auch charmant und mutig... der Anti-Held als Held. Ehre und Männlichkeit füllen jetzt die modische Marke Kanak. Typisierende Zwischentitel wie "Die Puff-Aufmisch-Story" sorgen zwar für eine gewisse ironische Distanz - doch ohne den Mut zur Parodie. Das emanzipative Potential ist in die Unterhaltsamkeit einer Gangsterkomödie verdunstet. Das ist nicht nur ein inhaltliches Problem.

Auch ästhetisch kann von attack keine Rede sein - trotz oder gerade wegen der modernen Machart: flottes Tempo, leichtfüßige Inszenierung, Stopptricks und frecher Schnitt dienen ebenso der Konsumierbarkeit wie die lineare Chronologie, in welche die ausgewählten Episoden gebracht wurden. "Ich geb Dir reinen Stoff. Du bist mein Dealer. Geh und verkauf das Zeug.", habe der reale Ertan zu ihm gesagt, so Zaimoglu im Nachwort. Die story als Rauschware. Kanak Attack löst die Metapher ein und die Differenz auf.

Jakob Hesler



startseite drucken newsletter bestellen