Monster`s       BallMonster`s Ball, USA 2001; R: Marc Forster; B: Milo Addica u. Will Rokos; K: Roberto Schaefer; S: Matt Chesse; M: Asche and Spencer; D: Billy Bob Thornton, Halle Berry, Peter Boyle, Heath Ledger, Sean "Puffy" Combs, Mos Def u.a.
TobisStudioCanal. Start: 5. September 2002.

Das Monster Mensch

Irgendwo in der trostlosen Provinz von Georgia ist die Welt noch so, wie wir sie nicht gerne sehen. Kinder verlieren ihre Väter an elektrische Stühle, andere Kinder werden von Erwachsenen brutal verscheucht, weil sie eine andere Hautfarbe haben. Wer einmal, wie die junge Kellnerin Leticia, ins Straucheln kommt, kann sich so leicht nicht wieder aufrappeln. Kein Job, keine Wohnung. Und dann bist du so gut wie vogelfrei. "Monster's Ball" erzählt die Geschichte dieser Kellnerin, und Schauspielerin Halle Berry beweist, dass sie mit dem ersten Oskar für eine farbige Hauptdarstellerin keinesfalls bloß einem Anfall von political correctness der Juroren zum Opfer gefallen ist. Ihr zur Seite steht ein fast ebenbürtiger Billy Bob Thornton als rassistischer Gefängnisbeamter Hank, der im Laufe des Films zeigt, dass man noch ein wenig Hoffnung für die Menschheit schöpfen darf.

Vordergründig geht es in diesem Film nicht um Rassenhass oder die Todesstrafe, sondern um eine ungewöhnliche Liebe, die zur Läuterung und Buße auf der einen Seite und zum Atemholen vor permanenter existentieller Bedrohung auf der anderen führt. Und doch stecken am Anfang und für einen Großteil des Films eine Menge schwerer Brocken drin. Eine düstere Welt, Leichenhaus des amerikanischen Traums. Die Familie, letzte Zufluchtsstätte des guten Amerika, wird als Brutstätte der Gewalt entlarvt.

Da ist Hank (Billy Bob Thornton), der vom Vater das Geschäft des "Vollzugsbeamten" (ein nettes Wort für Henker) geerbt hat und selbiges nun seinem Sohn weitervermitteln möchte. Doch dieser scheint weder der Familientradition des Rassismus nahe zu stehen, noch ist er stark genug, seinen ersten Todeskandidaten, den Ehemann der Kellnerin Leticia (Halle Berry), bis zum elektrischen Stuhl zu begleiten. Unterwegs bricht er zusammen und Hank bestraft ihn für diese Feigheit vor den Augen aller Kollegen mit wüsten Beschimpfungen und Fußtritten. Wenig später eskaliert der schwelende Konflikt zwischen Redneck Hank und seinem Sohn, bis dieser keinen anderen Weg mehr findet als sich selbst hinzurichten. Und plötzlich ist alles ein wenig anders in Hanks Welt.

Der junge Schweizer Regisseur Marc Forster hat die Energie, sich mit dieser problematischen Welt der Todeszelle und der Familientragödie auseinander zu setzen. Die Szenen sind brutal aber nicht moralisierend, sie bestehen aus nüchternen Beobachtungen und deprimierenden Wahrheiten. Und die kurz umrissenen Charaktere, der Todeskandidat etwa, sind Charaktere genug. Auch wenn’s weh tut, hätte man sich mehr davon gewünscht. Die Beziehung zwischen Hank und seinem Sohn. Leticias Familie. Hier stecken verstörende Ansätze und genügend dramatischer Stoff.

Doch die spannende Story verliert nach einer Stunde ihre Sogwirkung. Der Angeklagte wird hingerichtet, der sensible Sohn von Hank stirbt. Und nachdem auch Leticias Sohn bei einem Unfall ums Leben kommt und Hank, der zufällig zur Stelle ist und bei dem sich dann die unaussprechlichen Beschützerinstinkte gegenüber einer geschundenen Frau aktivieren, ihr hilft, tritt der Film auf der Stelle. Bezeichnenderweise markiert den Wendepunkt in der Geschichte eine Liebesszene. Leticia und Hank fallen übereinander her wie wilde Tiere. Mit echter Zuneigung, das ist klar, hat das noch nichts zu tun. Leticias Antrieb ist es wohl, Hebel und Schalter in Bewegung zu setzen, die beweisen, dass sie noch lebt.

Danach werden die Bilder langsamer, die Figuren körperlos. Die Kamera fixiert mutig ihre Gesichter, die zwar immer noch eine Menge erzählen, aber zwangsläufig dem Fehlen von dramaturgischer Entwicklung zum Opfer fallen. Im Drehbuch steht nicht mehr viel, die Richtung ist zu klar, die Entscheidungen längst gefallen, Hanks Wandlung vom Biest zum Beschützer schon Vergangenheit.

Dass "Monster's Ball" trotz einiger Schwächen noch eine ganze Weile Nachwirkung zeigt, liegt auch an dem grandiosen Schluss, bei dem sowohl Marc Forsters Kunst der Beobachtung wie auch die Leistung der Schauspieler ihren Höhepunkt erreicht: Leticia, die endlich in Hanks Abwesenheit die Entdeckung macht, dass er der Henker ihres Mannes war, bricht zusammen, wieder, scheinbar das letzte Mal. In einer wunderbaren letzten Szene kehrt Hank mit einer Dose Eiscreme zu ihr zurück. Sie setzen sich auf die Veranda und schweigen. Auch Leticia schweigt. Sie hat keine Kraft mehr, weiter zu fallen. Darum schweigt sie. Es ist ein kleines Wunder, wie deutlich uns die Logik dieser Entscheidung wird, wenn wir in Halle Berrys Augen sehen.

Johannes Schade


A propos "Todeszellen":

In einem Bericht von Amnesty International wird Klartext geredet, wie, wann, warum und wer der Todesstrafe in den USA zum Opfer fällt.



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