 | | Moby Dick, USA 1956. R: John Huston, B: Ray Bradbury, John Huston nach Herman Melvilles "Moby Dick, or The Whale", K: Oswald Morris, Schn: Russell Lloyd, M: Philip Sainton, Pr: John Huston, D: Gregory Peck, Richard Basehart, Leo Glenn, Frederick Ledebur, Orson Welles. Warner Bros., 1956 | | |
Der schönste Wal der Welt Nach ihm leuchtet der Weg; er macht die Tiefe ganz grau. (Hiob 41,24) Die deutsche Synchronisation vermasselt gleich den ersten Satz. "Ich heiße Ismael", stellt sich der forsche Erzähler vor und stiefelt über unseren Köpfen einen Serpentinenpfad hinunter, schlägt unterhalb eines Wasserfalls die Kurve, ist nun tiefer als die Kamera und entfernt sich entlang des Bachlaufs Richtung Meer. "Call me Ishmael", lautet der originale Beginn von Herman Melvilles Roman, und Hustons Verfilmung gibt ihn werktreu wieder. Denn alles braucht zuallererst einen Namen, um erzählt zu werden. Und ein Name ist vieles: Verheißung, Bestimmung, Zauberformel, Bannspruch. Nur eines ist er nicht: selbstverständlich. Der, den wir Ismael nennen sollen, kehrt ein in der Walfängerkneipe von Peter Coffin. Ein böses Omen? Ja und nein. Ganz am Ende des Films ist es ein Sarg, der Ismael über Wasser hält und überleben lässt. "Moby Dick" quillt über vor Namen, die mehr sind als bloße Benennung, quillt über vor Zeichen, die vielsinnig bezeichnend sind. Aber - und das macht den Film so klug - keins dieser Zeichen dreht sich heraus aus der Handlung, keine mögliche Bedeutung entwindet sich ihrer narrativen Funktion und hinein in bloß symbolische. Bevor Ismael und sein neuer Freund, der Harpunier Queequeg, mit der Pequod in See stechen, erschreckt sie eine abgerissene Gestalt zwischen den Tranfässern am Quai: "Am Tag, an dem ihr Land riechen werdet, wo keines ist, wird Ahab sterben und wieder auferstehen. Er wird euch zuwinken und alle in den Tod reißen. Alle bis auf einen." Elias nennt sich dieser Mann. Dass sich seine Prophezeiung erfüllen wird, wissen wir schon, bevor die große Jagd begonnen hat. Huston nimmt in Ismaels Eingangsmonolog über die See, zu der der Mensch geht, um sich zu finden wie in einem Spiegel, in Pater Mapples (Orson Welles) Jonas-Predigt, in Ahabs tyrannischen Blutschwüren alles Kommende vorweg. Jedem Abenteuerfilm bräche solcher Vorgriff das dramaturgische Gerippe. "Moby Dick" aber ist Abenteuer nur in vordramatischem Sinn. Niederlage und Sieg sind eins, Gut ist von Böse ununterscheidbar, die Entscheidung des Einzelnen lediglich Erfüllung des undurchschaubaren Ganzen. "Ich würde die Sonne angreifen, wenn sie mich beleidigte!", grollt Ahab zwar in prometheischem Größenwahn. Anders als des Titanenspross Blasphemie ist die seine jedoch ganz und gar zweckfrei. Die Menschheit kann durch sie nichts gewinnen, weil Gewinn keine Sache der Menschheit ist. Darin liegt viel Demut. Die Demut des Primitiven, wenn man so will, noch diesseits aller mythologischen Rechtfertigung. (Der Wilde Queequeg hockt sich irgendwann zum Sterben in die glühende Sonne, allein weil ihm Zauberknöchelchen den Tod ankünden.) Segensreichen Gewinn in Ölfässern und rationalen Argumenten erhofft einzig Starbuck, der gläubige Quäker und Steuermann. Sein Bemühen endet in halbherziger Meuterei, in Intrigen alle Vernunft. Nach ihrem Scheitern wird sie Ahabs Erbe nur umso rasender antreten. Das Desaster der Aufklärung. Ein Abenteuer ist der Film dennoch, weil Huston seine realistische Härte in durch und durch unwirklichen Farben tönt, sie tragen den eigentlichen Kampf aus um Freiheit und Schicksal. Das grünbraune Meer hat nichts vom Romantikblau unserer Vorstellung. Die ausgewaschene Aquarellpalette nichts von blutiger Schlacht mit dem Leviathan. Durch Ahabs rabenschwarzen Bart zieht eine schlohige Strähne sich dort, wo Moby Dick ihm die Narbe schlug, seine Beinprothese ist aus verblichenem Walbein. Schneeweiß (soll man verwegen sagen: wie eine Leinwand?) ist der Wal lediglich in Erinnerungen seiner Jäger. Als er schließlich auftaucht, ist sein Leib zerfurcht, fleckig und aschfarben. Keine Tabula rasa lässt Huston hier den Untiefen entsteigen, sondern einen vielfach Gezeichneten, dessen malträtierte Haut nicht lediglich Spuren davonträgt aus ewigem Kampf, sondern dieser Kampf selbst ist. Abenteuerlich war auch die Produktion. Zwei teure Jahre hat sie gedauert und mehrere ferngesteuerte Plastikwale im Sturm verloren. Die Kritik ist hergefallen über die offenkundige Fehlbesetzung des dämonischen Ahab durch den schönsten Melancholiker der Welt. Gregory Peck (5.4.1916 - 12.6.2003) ist nun tot. Moby Dick ward, so erzählt man, hier oder dort noch gesichtet. Urs Richter A propos "Moby Dick":
Melvilles Romanungeheuer ist online zu lesen im Electronic Text Center der University of Virginia Library
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