Petits Frères
Frankreich 1999, Jaques Doillon

Wieder einmal zeigen es uns die Franzosen: Der kleine Film über kleine Brüder und eine große Schwester ist das Beste, was ich seit langem im Kino gesehen habe.

Da wo Talia herkommt, riecht es zwar noch nach Bürgertum, aber gut ist es nicht. Ihr Stiefvater, praktisch der einzige Erwachsene in einem Film, der Jugendlichen gehört, begrabbelt ihre Freundin und vielleicht auch ihre kleine Schwester. Talia flüchtet vor familiärer Kaputtheit zusammen mit Kim, ihrem Kampfhund, in die Vorstadt, wo es schon lange keine Familien mehr gibt und eigene Gesetze herrschen. Dort leben Ilies und seine Freunde. Sie sind die Kleinen, halb Kind, halb kriminell, die Großen machen schon große Geschäfte. Das wollen auch Ilies&Co, deshalb klauen sie heimlich Kim, um sie zu verkaufen. Der Hund soll in illegalen Kämpfen antreten. Doch die Jungs haben die Rechnung ohne Talia gemacht, die beharrlich bleibt und die Jungs sogar zwingt, ihr bei der Suche nach den unbekannten Hundedieben zu helfen. Nicht umsonst wird sie von allen Tyson genannt, denn sie hat den Blick eines Boxers. Alles wird noch komplizierter, als Ilies sich in das toughe Mädchen verliebt, aber die Großen, die Kim mittlerweile trainieren, den Hund nicht mehr herausrücken wollen.

“Petit Fréres” sollte insbesondere crazy Schmid eine Lehre sein. Ein Film, der es einem schwer macht, nicht schlüpfrige Vokabeln wie “echt”, “authentisch” oder “direkt” zu bemühen, um den eigenen Enthusiasmus zu formulieren. Lieber ein Vergleich: Wie eine Mischung aus “Kids” und “Raus aus Amal”.. Oder ein Beispiel: Zwei Jungs fahren eine Rolltreppe rauf und runter, rauf und runter, sie träumen davon Dealer zu werden, wenn sie groß sind, aber nicht für harte Drogen. Arbeit finden sie scheiße. Oder eine Negativbestimmung: Keine Klischees, keine Stereotypen, keine Erzählschemata. Stattdessen: Die überzeugendsten jugendlichen Charaktere und Darsteller seit langem; ein völlig unprätentiöses, dabei wunderbar intelligent konstruiertes Drehbuch; ein märchenhaft-utopisches Ende ohne jede surreale Überhöhung; eine fulminante Sprache.
Bitte kucken, dann versteht Ihr, was ich meine: Kino, das einem das Herz aufgehen läßt.

Genug gefeiert, lieber ins nächste Filmtheater gehen.

Björn Vosgerau



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